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Serge Thion

Historische Wahrheit oder Politische Wahrheit?

Zweiter Teil

Kapitel V

Der Revisionismus im Ausland

Die Affaire Faurisson ist im Ausland nicht ohne Widerhall geblieben. Aber man muß, um die Tragweite zu erfassen, wissen, daß verschiedene Autoren von sehr verschiedenen Standpunkten aus darüber berichtet haben, obgleich alles unter dem Markenzeichen "Revisionismus" firmiert. In Erwartung, daß demnächst ein Überblick dieser sehr verschiedenen Literaturen zur Verfügung steht /57/, vorerst eine kurze Betrachtung der Bedingungen, unter denen sich diese "Diskussionen" und "Affairen" sich vollziehen.

Mit äußerster Schärfe stellen die Probleme sich in Deutschland. Verschiedene revisionistische Texte sind veröffentlicht worden, mehrere Autoren sahen sich Schikanen und Rechtsbeugungen ausgesetzt /58/. Das Haus von Thies Christophersen wurde angezündet. Wilhelm Stäglich, einem pensionierten Richter, hat man die Rente für fünf Jahre um ein Fünftel gekürzt [und zudem den Doktortitel aberkannt -- Anm. d. s.]. Vor allem aber hat man verschiedene Werke (die Stäglichs, die deutsche übersetzung von Butz usw.) als "jugendgefährdent" eingestuft (quod juventutem corrumperet hieß das in unseren Lateinbüchern), also auf den Index gesetzt: Indizierung [im Orig. deutsch]. Auch gab es Berufsverbote (etwa im Fall Udo Walendys). Eine Unterdrückung, die auf Meinungsäußerung in der Gegenwart zielt, und nicht etwa auf etwas, was jemand in der Vergangenheit getan hätte. Das alles hat mich ziemlich überrascht, vor allem wenn ich bedenke, was über Deutschland so zu lesen ist: daß die Bundesrepublik stets geneigt sei, Nazis weißzuwaschen, diese nur zögerlich vor Gericht stelle, daß man die Vergangenheit dort zu vergessen wünsche, daß es heiße: "Schwamm drüber" /59/. Vermutlich gibt es eine Verbindung dieser Phänomene: man kann sich nicht vorstellen, daß der deutsche Staat (es müßte heißen "die deutschen Staaten", liegen die Dinge in der DDR doch ganz ähnlich) auf die Dienste derer, die das wirschaftliche und verwaltungstechnische Rückgrat Hitlerdeutschlands bildeten, verzichtete. Zudem die Zugehörigkeit zur NSDAP bei jeder einigermaßen öffentlichen Tätigkeit nahezu Pflicht war. Die Staaten der Gegenwart wissen die Dienste, die Erfahrung dieser Leute sehr wohl zu nutzen, und man findet in Frakreich in allen Bereichen Posten mit Leuten besetzt, die einst Pétain Treue schworen, wie etwa unser ehemaliger Innenminister Marcellin. Reden wir nicht von den Anhängern Mussolinis, Francos, Salazars, die noch immer die Korridore der Macht bevölkern; die Kontinuität im Wandel kennt eine einzige Bedingung: man muß nach außen hin den Anschein geben, zu den Wohltaten parlamentarischer Demokratie bekehrt zu sein. Muß hier auf das Possenspiel "Entnazifizierung", das die Alliierten nach dem Krieg aufführten, noch näher eingegangen werden?

Heute wird in Deutschland auf der Rechten wie auf der Linken Jagd auf Abweichler gemacht. Deutschland kann es hinnehmen, wenn sich ehemalige Nazis, SS-Leute und andere ehemalige Kämpfer sich im Sinne nostalgischer Erinnerung versammeln; aber es fürchtet die Heßenküche kleiner abgeschlossener Zirkel, in denen die großen Mythen der Gegenwart schmoren. Ich erinnere mich, vor einigen Jahren in Le Monde eine Reportage gelesen zu haben, in welcher man eine gewisse deutsche Krankheit darauf zurückführte, daß Deutschland wirtschaftlich den Körper eines Riesen habe, politisch aber den Kopf eines Zwerges. Was vor allem den anderen in Europa gegenwärtigen Mächten zupaß kommt. Den gordischen Knoten dieses Widerspruchs bildet ganz offenbar die These der Kollektivschuld des deutschen Volkes: ein riesiges Problem, eine weitreichende Frage, welche ich an dieser Stelle nicht angehen möchte. Man muß nur wissen, daß diese in Deutschland keineswegs aus der Welt geschafft ist, und aus Gründen der moralischen Ordnung auch nicht wird. Politische Opportunitäten sind es, Fragen des militärischen Gleichgewichtes und der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa, die diese These in den Hintergrund treten lassen werden. Um Deutschland als Macht im Zentrum Europas aber niederzuhalten, wird diese politische Philosophie immer wieder hervorgeholt, dient diese Geschichte der Weichenstellung für die Zukunft.

Einstweilen wird die Diskussion im Zaum gehalten. Hierfür zwei Beispiele: der englische Historiker David Irving schreibt für einen zur Springergruppe gehörenden Berliner Verlag eine Buch mit dem Titel "Hitler und seine Feldherren". Er korrigiert die Probeabzüge. Und muß beim Erscheinen feststellen, daß man seinen Text gröblichst gekürzt und verändert hat. Dazu ist zu sagen, daß Irving den Holocaust nicht in Zweifel zieht, aber bei seinen auf die Person und die Handlungen Hitlers konzentrierten Forschungen nichts fand, was ihn den Nachweis hätte führen lassen, daß Hitler die Verantwortung für eine Massenvernichtung zukomme. Und das hat er ausgesprochen. Er fügt hinzu, daß - da die Vernichtung eine Tatsache sei - der Schuldige jemand anderes sein müsse. Und schlußfolgert, es müsse Himmler sein, der das alles vor seinem Führer verborgen habe. Man darf gespannt sein, zu welchem Ergebnis er kommen wird, wenn er sich mit Himmler näher beschäftigt. Der Herausgeber hatte wahrscheinlich gemeint, Irving mache sich zum Apologeten Hitlers, und hat die Umarbeitung des Textes auf sich genommen. Der Autor protestierte und veröffentlichte seinen Text dann auf Englisch. In der Einleitung findet sich folgende Bemerkung zu seinem Herausgeber vom Ullstein-Verlag /60/:

Die für diese Ausgabe Verantwortlichen fanden viele meiner Argumente verwerflich und sogar gefährlich, und unterdrückten diese oder änderten diese sogar vollkommen -- ohne mich zu informieren --: in ihrem gedruckten Text sagt Hitler nicht zu Himmler, es solle "keine Liquidation" der Juden geben (30.11.1941), er sagt, man solle das Wort "liquidieren" nicht öffentlich im Zusammenhang mit dem Vernichtungsprogramm benutzen. So fälscht man also die Geschichte! (Auf meinen Vorschlag, die Aufzeichnung Himmlers im Faksimile zu veröffentlichen, wurde nicht eingegangen). Ich habe jede weitere Auflage dieses Buches zwei Tage nach seinem Erscheinen in Deutschland untersagt. Um ihre Maßnahmen zu rechtfertigen, haben die Berliner Herausgeber darauf verwiesen, mein Manuskript drücke Gedanken aus, die "eine grobe Beleidigung" der in ihrem Land "herrschenden Geschichtsauffassung" bedeuteten.

Hellmut Diwald ist ein in Deutschland sehr bekannter Historiker. Er ist der Autor einer sehr erfolgreichen Wallenstein-Biografie, leitet die Herausgabe einer ebenfalls gut aufgenommenen Enzyklopädie zur Europäischen Geschichte /62/ und lehrt an der Erlanger Universität. 1978 veröffentlichte er eine "Geschichte der Deutschen" /63/ (und nicht etwa eine Geschichte Deutschlands), die von der Gegenwart aus zurückschreitend erzählt wird. Zunächst waren die Reaktionen sehr wohlwollend, darunter die des Kanzlers Schmidt. Der Spiegel greift das Werk scharf an: was seine Logik hat. Der Autor lehnt die "Kriminalisierung" der deutschen Geschichte ab; die ungeheure Dimension der Verbrechen Hitlers durchaus anerkennend, stellt er fest, daß Deutschland unter dem Gewicht der Kollektivschuldzuweisung krank geworden sei, daß die Alliierten eine schwere Verantwortung auf sich genommen hätten, indem sie Deutschland zerstückelt, und es seiner Vergangenheit beraubt, es entwurzelt hätten, um es besser beeinflussen zu können. Gewiß zu hinterfragende, ohne jeden Zweifel rechtsgerichtete Thesen. Daß eine heftige Diskussion einsetzt, ist bis dahin ist nur zu normal /64/. Aber der Druck wird so stark, daß sich der Verleger (der zur Springer-Gruppe gehört) gezwungen sieht, das Buch aus dem Handel zu nehmen; im Februar 1979 erscheint eine Neuausgabe, mit drei vollständig veränderten Seiten, jenen, auf denen die "Endlösung" behandelt wird. Zu den unterdrückten Ausführungen gehört das folgende:

Seit der Anklage, daß die SS im Auftrag Hitlers durch Himmler und das Reichssicherheitshauptamt versucht hat, die europäischen Juden physisch zu vernichten, steht das Problem "Auschwitz" unter dem Schutz einer totalen Abschirmung, zumal "Auschwitz" seit der Kapitulation 1945 auch noch eine Hauptfunktion bei der völligen moralischen Herabwürdigung der Deutschen erfüllte. [...] Über diese Tatsachen [die riesenhaften Deportationen der jüdischen Bevölkerung in die Lager der Ostgebiete], vor der Kulisse der abscheulichen Entrechtung der Juden im Dritten Reich, sind nach 1945 zahlreiche Schriften veröffentlicht und Behauptungen aufgestellt worden, die sich nicht beweisen ließen und das Schandbare durch Zynismus erweiterten: Man beutete eines der grauenhaftesten Geschehnisse der Moderne durch bewußte Irreführungen, Täuschungen, Übertreibungen für den Zweck der totalen Disqualifikation eines Volkes aus. (S. 164)

Es schließt sich eine Beschreibung einzelner Momente der Geschichte von Auschwitz-Birkenau an, eine Beschreibung, die ebenso unterdrückt und durch einen Text ersetzt wurde, der keineswegs dasselbe aussagt. Die Rechtspresse /65/ hatte ein leichtes Spiel - und guten Grund - die Zensur zu beklagen 66/.

In einem der Welt in der Zeit zwischen den beiden Auflagen gewährten Interview hat sich Professor Diwald zu verschiedenen Themen geäußert ("die Geschichte eines Volkes zu kriminalisieren, bedeutet, es krank zu machen", Adenauer und die Teilung Deutschlands, die deutsche Identität). Es mag interessant sein, eine Passage dieses Interviews zur Kenntnis zu nehmen:

WELT: Sie selbst sind der Auffassung, daß wesentliche Komplexe der Zeitgeschichte noch keineswegs so abschließend aufgehellt sind, wie man allgemein behauptet. Selbst bei der Judenfrage, so schreiben Sie, sei "trotz aller Literatur noch immer einiges ungeklärt".

DIWALD: Mit vielem, was bis heute dazu publiziert und wie es dargestellt worden ist, können wir uns nicht zufriedengeben. Wir werden noch ganz andere Komplexe umschreiben müssen. Entscheidend ist dabei die Dokumentenfrage. Daß ein Hauptteil der zeitgenössischen Akten uns überhaupt noch nicht zugänglich gemacht worden ist, ist noch für viele Überraschungen gut. Die Russen haben kein einzige Dokument herausgerückt; die Franzosen halten ebenfalls ihre Archive und das, was sie bei uns mitgenommen haben, verschlossen. Die Amerikaner wählen bei dem, was sie uns zurückgeben, sehr vorsichtig aus. So stehen wir immer noch unter einer merkwürdigen Bevormundung.

Exit Diwald. Enter Bennett. Die Szene spielt in Australien. John Bennett ist seit seiner Gründung im Jahre 1966 als Sekretär des Victorian Council for Civil Liberties bekannt, eines Bürgerrechtskomitees, das etwas aktiver und näher an der täglichen Praxis orientiert ist, als die unsrigen. Daß die Angelsachsen sorgsamer in der Beschreibung und der Verteidigung der Rechte des Einzelnen sind, ist bekannt, und der Rechtsanwalt Bennett war sehr aktiv auf diesem Gebiet. Er ist unter australischen Verhältnissen ein Linker, und ist auch als solcher bekannt. Ich habe mich dessen bei einem Australier unter meinen Bekannten versichert. Ende 1978 verteilte er unter ein paar Intellektuellen und Journalisten von Melbourne das bereits erwähnte Buch von Butz, dazu eine kurze, alsbald veröffentlichte Erklärung /68/:

1. Niemand ist jemals angeklagt worden, jemanden von den besagten zwei, vier, sechs Millionen (?) mittels Gas ermordet zu haben; d. h., niemand ist beschuldigt worden, die Büchsen mit dem Zyklon B geöffnet zu haben.

2. Es gibt kein Foto, das Leichen in einer Gaskammer zeigt, obwohl doch in den verschiedenen Lagern 10.000 Vergasungen durchgeführt worden sein sollen.

3. Die "Gaskammern" von Auschwitz können nicht untersucht werden, weil sie - nach Reitlinger, dem einzigen, der erklärt, was aus ihnen geworden sei - demontiert, in ein anderes Lager verbracht wurden und dem "Vergessen anheimfielen".

4. Die in Nürnberg zu den "Vergasungen" erbrachten Beweise sind im wesentlichen die Darlegungen von Höß und Gerstein, die ebenso wenig beweiskräftig sind, wie die Erklärungen in den Moskauer Prozessen von 1936.

5. Der Vatikan, das Rote Kreuz, die englischen und deutschen Nachrichtendienste (etwa Canaris und Oster, die auch für die Engländer arbeiteten) wußten ebenso wie der deutsche Widerstand (eine Art Who is Who der deutschen Gesellschaft) von den Vergasungen nichts, oder schenkten den Gerüchten keinen Glauben.

6. Niemand hat versucht, auf die Argumente von Butz zu antworten.

7. Es gibt in keinem einzigen deutschen Dokument einen Hinweis auf Vergasungen: die Alliierten besitzen Hallen voller Dokumente, aber sie haben sich auf die "Geständnisse" von Höß stützen müssen.

8. Im März 1943 ist gesagt worden, es seien zwei Millionen Juden getötet worden, und weitere vier Millionen würden noch getötet. Das ist eine seltsam exakte Vorhersage der in Nürnberg wiedergegebenen Zahl.

9. Die von den Alliierten zum Beweis der Vergasungen benutzten Fotos zeigen Menschen, die in Dachau und Bergen-Belsen an Typhus und Unterernährung starben.

10. Zyklon B ist von der deutschen Wehrmacht und in allen Konzentrationslagern als Desinfektionsmittel eingesetzt worden, insbesondere zur Typhusbekämpfung. Die übliche Prozedur für alle Neuankömmlinge in allen Lagern, das war die Dusche und die Entlausung der Kleider. Viele Menschen sind in den Lagern gestorben und zur Vorbeugung gegen Epidemien eingeäschert worden.

11. Das Lager Auschwitz ist von den Alliierten nicht bombardiert worden, weil diese nicht glaubten, daß es sich um ein Vernichtungslager handele. Die Alliierten haben den riesigen Industriekomplex sehr genau überwacht, denn dies war das Zentrum, in welchem die Technik zur Herstellung sythetischen Kautschuks am weitesten fortgeschritten war. Die Amerikaner brauchten seit Pearl Harbor synthetischen Kautschuk.

12. Die Zahl der als Folge der Politik der Nazis umgekommenen Juden ist nicht schätzbar, denn der Jüdische Weltkongreß hat es nach dem Krieg abgelehnt, die Juden zählen zu lassen. Es ist wahrscheinlich, daß zwischen 700.000 und 1.500.000 Juden als Folge von schlechter Behandlung, Unterernährung, Typhus, bei der Zerstörung der Ghettos, als Folge von Strafaktionen, willkürlichen Hinrichtungen und medizinischen Experimenten ihr Leben verloren.

13. Leute wie Simon Wiesenthal (Die Mörder sind unter uns) haben sich um die Verfolgung der für die Endlösung mittels Evakuierung nach Osten verantwortlichen (Eichmann beispielsweise) und der Nazi-Ärzte (zum Beispiel Mengele) bemüht, nicht aber um die Verfolgung der SS-Leute, die wirklich zwei bis sechs Millionen Menschen mit Gas, insbesondere mittels Zyklon B in Auschwitz, ermordet haben.

Die Australier, die bislang nicht gerade unsere Lehrer in Sachen Zivilisation gewesen sind, kamen auf die seltsame Idee, diese Angelegenheit in der Presse zu diskutieren. Streitbare Aufsätze und Briefe empörter Leser waren in den größten Zeitungen zu lesen /69/. Offenbar hat niemand bei den Gerichten Hilfe gesucht, um seinen Gesichtspunkt durchzusetzen, was nur zeigt, in welchem Maße das Land der Känguruhs zurückgeblieben ist.

In der italienischen Presse nahm die Affäre Faurisson breiten Raum ein. Am 19.4.1979 lud das italienischsprachige schweizerische Fernsehen von Lugano Robert Faurisson und Pierre Guillaume zu einer großen Diskussion mit Enzo Collotti (dem Autoren von Germania nazista, Turin, Einaudi), Wolfgang Scheffler (Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, München, Gutachter vor deutschen Gerichten) und den Damen Rolfi und Tedeschi (ehemalige Gefangene von Ravensbrück und Auschwitz). Die Diskussion, für die eine Stunde vorgesehen war, hat zwei Stunden und fünfzig Minuten gedauert und den gesamten Programmablauf durcheinandergebracht. Auf Grund des großen öffentlichen Interesses ist die Sendung am 6. Mai erneut ausgestrahlt worden. Die Presse jenseits der Alpen hat diese Sendung (die in mehreren Regionen Italiens zu empfangen war) in einer dem Vokabular der französischen Presse entsprechenden Ausdrucksweise ausgiebig kommentiert. Als Folge dieser Sendung hat Antonio Pitamitz, ein Mitarbeiter der bei Mondadori erscheinenden Storia Illustrata, Faurisson um ein schriftliches Interview gebeten. Das im August erscheinende Interview löste erneut umfassende Diskussionen aus. Die Debatte zog sich über mehrere Ausgaben hin. Liegt es am weniger ausgebildeten Schuldbewußtsein der Italiener, daß es ihnen leichter fällt, sich dieser Art von Fragen zu stellen?

Bliebe noch mitzuteilen, daß an amerikanischen Universitäten eine Petition in Umlauf ist, welche für Faurisson das Recht fordert, ungehindert zu forschen. Zu den ersten Unterzeichnern gehören Noam Chomsky und Alfred Lilienthal.

 

Legende: Das Original befindet sich bei Gericht. Es trägt die Namen und die Anschriften der 500 Unterzeichner zum Zeitpunkt des 31. Oktober 1979.


 

Kapitel VI

Von der Notwendigkeit der Affäre Faurisson

 

Die Affäre Faurisson, oder besser -- um die wirkliche Dimension zu erfassen--, die Frage, was in gewissen Konzentrationslagern der Nazis während des Krieges tatsächlich vorgegangen ist, ist nicht der erste Akt dieser Tragikomödie der Entwicklung einer kollektiven Vorstellung der Welt der Konzentrationslager in der Öffentlichkeit. Der Prolog dazu ist in Frankreich von Paul Rassinier geschrieben worden, mit Le Mensonge d'Ulysse, mit Le Véritable Proces Eichmann ou les Vainqueurs incorrigibles, und vor allem mit Le Drame des Juifs européens /70/, wo er einige der wichtigsten Zeugen der Gaskammern vom Sockel holt, und die noch solideste Statistik des Amerikaners Hilberg /71/ über die Zahl der Verschwundenen der europäischen jüdischen Gemeinden zunichte macht. Die späte polemische Antwort von Georges Wellers darauf, La "solution finale" et la mythomanie néo-nazie /72/, geht nur auf gewisse einzelne Aspekte ein und bleibt vollständig in den Konventionen der Lesung und Interpretation jener Dokumente gefangen, von denen Rassinier deutlich gezeigt hat, daß sich deren Inhalt keineswegs von selbst versteht.

Rassinier wurde scharf angegriffen und konnte nur bei den extrem Rechten veröffentlichen. Dazu die für die Neuausgabe seiner Arbeiten bei Vieille Taupe verantwortlichen: "Jene, die Paul Rassinier vorwarfen, bei einem rechtsextremen Verleger zu veröffentlichen, hätten sich gewünscht, er werde überhaupt nicht veröffentlicht". Ich stimme vollkommen mit der Auffassung überein, es gebe in seinen Werken sprachliche Entgleisungen, und gelegentlich fragwürdige Behauptungen. Geringschätzung, Ablehnung und Diskussion aber sind verschiedene Dinge. Man wird Rassinier eines Tages rehabilitieren müssen.

Er hat offenbar zu früh geschrieben. Faurisson, fünfzehn Jahre später, ist er immer noch zu früh? Der Horizont hat sich ein wenig verändert. Wie verschiedene jüdische Veröffentlichungen beklagen, sieht man "die um Juden und Judentum errichteten psychologischen Tabus" verschwinden. Der Autor dieses Aufsatzes konstatiert "das Verschwinden des Völkermords der Nazis aus dem kollektiven Gedächtnis und die fortschreitende Auflösung des bei den Nichtjuden vorhandenen Schuldgefühles. Mit einem Wort: der Genozid macht sich nicht mehr bezahlt, und unsere armen Toten setzen uns gegenüber einem Westen, der sich sechsmillionenfach strafbar gemacht hat, nicht mehr ins moralische Recht". /73/ Das ist eine Binsenweisheit: in wessen Namen sollen sich Nachkriegsgenerationen für Haltungen und politische Taten schuldig fühlen, die nicht die ihren sind? Die sie doch selbst in den meisten Fällen auf exakt der anderen Seite stehen? Die Verbrechen der Nazis gehören den Anhängern Hitlers und höchstens seinen Helfershelfern, aber bestimmt nicht den Antifaschisten und Antirassisten.

Zur fortschreitenden Auflösung der fraglichen Tabus hat sicherlich auch die Haltung Israels gegenüber den Palästinensern beigetragen. Bis zum Sechstagekrieg war die Haltung der französischen Öffentlichkeit von einer Art übertragenem Zionismus geprägt: dem Verbrechen von Auschwitz stand eine Art Wiedergutmachung gegenüber, welche in der Existenz eines legendären sozialistischen und friedliebenden Israel bestand. Das Auftauchen der Palästinenserfrage, und vor allem die kategorische Weigerung der Israelis und der Zionisten, eine Lösung der von ihnen mit der Entwurzelung großer Teile der Bevölkerung verursachten Probleme auch nur ins Auge zu fassen, haben ernüchternd gewirkt: Militarismus, Unnachgiebigkeit, Bombardierungen der Zivilbevölkerung, Kollektivstrafen, politische Morde /74/. Diese agressiven Akte, diese Halsstarrigkeit, haben ein anderes Bild von Israel hervorgebracht, das sich mit den Reparationen, die den Juden wegen des ihnen von Hitler angetanen Unrechts geschuldet werden, nicht mehr zu Deckung bringen läßt. Der Unterdrückte ist zum Unterdrücker geworden, ~sic transit gloria~~...

Das alles verdiente gewiß genauere Ausführung. Ich stelle hier nur fest, daß als Folge des Abbröckelns gewisser Tabus sich seit 1967 ein Raum für die Diskussion über die israelische Politik und den Zionismus geöffnet hat; anders gesagt: die gegen Kritiker des Zionismus gerichteten beleidigenden Beschuldigungen des Antisemitismus werden nicht mehr ernst genommen und können die Auseinandersetzung nicht mehr verhindern. Angesichts der Reaktionen auf die Affäre Faurisson darf man sich fragen, ob nicht auch im Hinblick auf die Wirklichkeit, den Umfang und die genaue Art und Weise der hitler'schen Verfolgungen Raum für eine Diskussion entstehen könnte. Derzeit ist, als Ergebnis jener Bemühungen, die auf eine Einbalsamierung der Erinnerung zielen und die Achtung eines bestimmten, nicht besonders überzeugenden Geschichtsbildes erzwingen wollen, alles ziemlich erstarrt. Manch einer meint bereits der Gründung einer neuen Religion mit eigenen Dogmen und Kirchendienern beizuwohnen, jener des Holocaust. Ich für meinen Teil bin überzeugt, daß es sich um einen Irrweg handelt; daß eher die, die versuchen, sich Fragen stellen, daß eher sie eine Chance haben, all den von der Tyrannei auferlegten Leiden wieder einen Sinn zu geben, bzw. diesen zu erhalten. All die Ehrungen, Denkmäler und Gedächtnisfeiern sind nur Ersatzhandlungen wirklichen Erinnerns.

Die Intellektuellen der Linken stehen in der Verantwortung. Sie haben sich zu entscheiden: entweder die einmal erreichten Positionen zu verfestigen und sich für die bestehende Geschichtsschreibung mit all ihren Lücken und blinden Flecken zu verbürgen und im übrigen auf den Barbarensturm zu warten; oder sich zu kritischem Urteil zu bewegen, und zu akzeptieren, daß es im Hinblick auf die Ereignisse, die unsere Gegenwart begründen, sehr wohl etwas zu überdenken gibt. Bis jetzt sind die Reaktionen überwiegend ablehnend. Meine Erfahrung mit dieser Materie läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: wenn man diese Frage mit einem alten Bekannten erörtert, so ist die erste Reaktion ein Schock (auch ich habe diesen erlebt). Schließlich gibt man nach einer gewissen Zeit des Nachdenkens zu, daß es hier sehr wohl ein Problem für die historische Forschung gibt, daß eine derartige Frage mit Recht gestellt werden könne. Sogleich aber wird die Fragestellung verschoben: "Angenommen, diese Frage stellt sich, hast du die Folgen überdacht? Sollte es wahr sein, werden sich die Neonazis freuen, dann stellte sich die Judenfrage erneut, das würde zu diesem und jenem führen...". Mit anderen Worten: die Bedeutung der Wahrheit (von der man, da alles noch im Fluß ist, noch nicht einmal sagen kann, welche es schließlich ist) wird vollkommen -- sei es polemisch oder beschwörend -- dem Nutzen unterstellt, den man zieht, oder von dem man befürchtet, daß andere ihn daraus zögen.

Das also verstehen unsere Intellektuellen unter der Freiheit der Wissenschaft und des Denkens: die Herstellung von Handelswaren, deren Wert lediglich im Gebrauch besteht. Im Angesicht der auch mir provokativ erscheinenden Thesen von Faurisson stürmt die Intelligenzija den Basar, ihre ureigensten Prinzipien zu verschachern. All die Zeitungen, Zeitschriften, Herausgeber, bis hin zum Drucker, lehnen ab -- und das ist ihre Freiheit. Ich spreche nicht von der Angst, denn sie weisen die Vorstellung, sie könnten vielleicht Angst haben, eine Diskussion auszulösen, weit von sich. So bleibt uns also die großartige Freiheit, von unserer wachsamen Linken beschützt, auf die gute alte Methode des Samisdat zurückzugreifen.

Auch haben wir die Freiheit, unsere Werke von unseren politischen Gegnern verlegen zu lassen, die doch in den Augen der Linken über schier unerschöpfliche Mittel verfügen. Aber gestatten Sie, dieses großzügige Angebot auszuschlagen. Denken Sie statt dessen ein wenig über diese Situation und über deren Folgen nach. Wer kann hier moralisch heil herauskommen?

12. November 1979

 

ANMERKUNGEN

57. Von Gabriel Cohn-Bendit wird in der nÄchsten Zeit eine Arbeit zu diesem Thema erwartet.

58. Siehe zu den hier zitierten Namen die bibliografischen Angaben im Anhang.

59. Man vergleiche den Bericht in Le Monde vom 10.11.1979 über den Fall Lischka und seines Adjutanten Heinrichson, ein von den Einwohnern seines Dorfes sehr geschätzter Bürgermeister.

60. David Irving: Hitlers War, New York 1977, Viking Press, S. XVII. Die deutsche Ausgabe erschien 1975.

61. Hellmut Diwald: Wallenstein, Herbig, 564 S.

62. Propyläen Geschichte Europas.

63. Geschichte der Deutschen, Berlin 1978, Propyläen, 764 S., zweite Aufl. Februar 1979.

64. Diese Diskussion, die in der deutschen Presse hohe Wellen schlug, hätte durchaus auch eine Kommentierung in der französischen Presse verdient. Aber lediglich das Figaro Magazine vom 12.3.1979 bringt etwas, ohne die zweite Auflage zu erwähnen. In Le Monde: nichts; abgesehen von einer verspäteten, giftigen, anonym gedruckten Bemerkung von Alfred Grosser: "Ein Zusammenspiel nicht gerade glänzender Umstände zeigt, daß die Erinnerung an vergangenes Übel auch zukünftig wachgehalten werden muß, damit dieses nicht entschuldigt und unkenntlich gemacht werde, und zwar nicht nur von den Liebhabern schwerer Stiefel, sondern auch von jenem namhaften Historiker, der eine skandalöse Geschichte Deutschlands bei einem bekannten Verlag auf der anderen Rheinseite veröffentlicht hat" (Le Monde, 5.7.1979). Bei den Biologen nennt man das die Lehre von der Beständigkeit der Arten.

65. "Warum darf Prof. Hellmut Diwald nicht die Wahrheit schreiben", Deutsche National-Zeitung, 2.3.1979.

66. Die Neuausgabe brachte ein zusätzliches Foto "zu Ende des Zweiten Weltkrieges", auf welchem in Reihe liegende Leichen im Lager von Nordhausen zu sehen waren. Ohne es Faurisson nachtun zu wollen: ich finde dieses Foto nahezu identisch mit jenem von der Vaterländischen Vereinigung der Deportierten, Gefangenen und Widerstandskämpfer in einem Band unter dem Titel "Die Deportation" (295 S., 1968) auf S. 227 veröffentlichtem. Zu diesem Foto heißt es dort: "Im am 4.4.1945 von amerikanischen Flugzeugen bombardierten Nordhausen bedecken Leichenberge den Hof der Boelke Kaserne (von den Amerikanern am 15.4.1945 aufgenommenes Foto). Die SS hatte vor ihrem Abzug den Verwundeten den Rest gegeben." Wie es aussieht, wurden die Gefangenen in erster Linie Opfer der Amerikaner. Das Buch hätte andere Fotos bringen können, um die Schrecken der Lager zu zeigen. Dieses aber hat den Vorteil, deutlich zu machen, daß viele Gefangene vor allem Opfer des Krieges wurden. Eine Deutlichkeit, auf welche die deutsche Ausgabe verzichtete.

67. Die Welt, 20.11.1978: "Deutschland -- Kein Wintermärchen".

68. National Times, 10.2.1979.

69. The Age vom 15. und 29.3.1979; The Australian, 26.5.1979; Nation Review, 7.6.1979; ABC TV, 25.4.1979; New Statesman, 7.9.1979; Quadrant, September 1979, usw.

70. Siehe Literaturverzeichnis im Anhang.

71. The Destruction of the European Jews, Chicago 1961 und 1967, Quadrangle Books.

72. Le Monde juif, Nr. 86, Paris April-Juni 1977, CDJC, S. 41-84.

73. P. Gérard: Requiem por une idée acquise, Information juive, Nr. 288, Paris, Januar 1979.

74. Siehe die bemerkenswerte Untersuchung von Vincent Monteil über die Aktivitäten des Mossad, des israelischen Geheimdienstes, in Dossier secret sur Israel -- Le Terrorisme, Paris 1978, Guy Authier, 414 S.

Die Literatur-Verzichnis können Sie in eine andere "File finden:

Eine revisionistische Literatur Verzeichnis

BUCH ENDE


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Zweiter Teil, Kapitel 5, "Der Revisionismus im Ausland" und Kapitel 6 "Von der Notwendigkeit der Affäre Faurisson" von Historische Warheit oder Politische Wahrheit ? Die Macht der Medien : Der Fall Faurisson, Berlin, 1994, Verlag der Freunde, Postfach 350264, 10211 Berlin, S. 5-21. Uebertragung aus Franzoesisch von Andreas Wolkenpfosten. ISBN 3-9803896-0-X. Es ist besser das Buch von den Verlag zu kaufen.

Originalausgabe : Serge Thion, Vérité historique ou vérité politique, Paris, La Vieille Taupe, 1980. Reproduction is authorized.

Diesen Text stellt Ihnen AAARGH in 1997 für die wissenschaftliche Forschung, zu Bildungszwecken und verwandten Anwendungen zur Verfügung. AAARGH Internattionale Büro (Vereinigung langjähriger Konsumenten von Berichten über den Krieg und den Holokaust) ist per eMail zu erreichen unter "aaarghinternational-hotmail.com". Durch Post kann man uns auch schreiben: PO Box 81475, Chicago, IL 60681-0475, USA. Post: PO Box 81475, Chicago, IL 60681-0475, USA.
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Vereinigten Nationen, 10 Dezember 1948.



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