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Drachentöter im Frack

Serge Thion

zu: Stéphane Courtois, Nicolas Werth, Jean L Panné, Andrzej Paczkowski, Karel Barlosek, Jean L. Margolin: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Aus d. Franz. v. Irmela Arnsperger und Bertold Galli, Piper Verlag, München 1998, 864 S., 32 S.., ISBN 3-492-04053-5, 68,-DM

Eine der größten Dummheiten unserer Zeit ist zweifelsohne, zwei Ebenen des gesellschaftlichen Lebens durcheinanderzubringen, die sowohl die Humanisten des ancien régimes als auch die Aufklärer noch unterscheiden konnten: juristische und politische Auseinandersetzungen. Darin liegt ein intellektueller Rückschritt von größter Bedeutung. Man behandelt heute bestimmte Probleme der jüngsten Vergangenheit, als unterlägen sie der Zuständigkeit von Gerichten und nicht der politischen Beurteilung, die von allen Bürgern vorgenommen werden kann und muß -- wenn es denn noch Bürger gibt. Es sieht so aus, als wäre die öffentliche Moral durch die Delegierung von Entscheidungen an Gerichte ersetzt worden, deren Spielraum noch durch den furchtbaren Opportunismus der Leute in den Roben sehr eingeengt ist.

Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Es wird ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Schwarzbuch des Kommunismus", ohne daß auffiele, daß das letzte der "Schwarzbücher", verlegt in Paris, Pol Pot persönlich zum Autoren hatte. Wir haben es hierbei mit einem Unternehmen zu tun, das sich ganz dem köstlichen mondänen Anachronismen hingibt, Methoden und Handlungen von "kommunistisch" genannten Staaten, insbesondere bis 1970, im Namen von Rechten zu beurteilen, die der Westen selbst eine ganzen Epoche lang mit Füßen getreten hat, als er Kolonialkriege führte, in der Dritten Welt Diktaturen einsetzte, Bürgerkriege anheizte, Massaker aller Art deckte oder beging: alles im Namen der Menschenrechte und des Kapitalismus, so wie Moskau und Peking ihre Verbrechen im Namen der Volksdemokratie und des Fortschritts der Menschheit begangen haben.

Das Buch ist in der Art einer Anklageschrift angelegt. Obwohl von Personen verfaßt, die mit Abschlüssen in Geschichtswissenschaft ausgestattet sind, stößt es bei weitem nicht in die eigentliche historische Problematik vor, d.h. dorthin, wo sich das komplexe Spiel von Ursachen und Wirkungen entfaltet. Diese Herren, in ihren Sesseln wohlig versunken, urteilen -- dies ist genau der richtige Begriff -- über Dinge, von denen ihre kleinen Existenzen patentierter Pedanten nicht einmal eine Vorstellung haben. Von der Unmenge sachlicher Fehler auf den 800 Seiten wollen wir gar nicht erst sprechen. Wahrscheinlich kann sich nur in Frankreich ein Verleger erlauben, eine Pfuscharbeit zu veröffentlichen, die, was das mindeste wäre, ernsthafte Revidierungen verlangte (die vorzunehmen aber nicht wir vorschlagen).

Die juristische Frenesie mündet direkt in den Karneval des Papon-Prozesses, von dem die Medienmeute "enttäuscht" ist, wie L. Greilsamer, der Spezialist für die Lynchung von Dissidenten bei Le Monde, es ausdrückt. "Inzwischen werden die juristischen Verrenkungen des Kassationsgerichtes um den Begriff der Unverjährbarkeit des Verbrechens gegen die Menschlichkeit diskutiert und kritisch beleuchtet", schreibt er. "Noch vor kurzem war dieses Thema absolut tabu." Für die Revisionisten war es das nicht. Seit zehn Jahren sagen sie immer wieder, daß das Recht von dieser Art "Verrenkungen" zerstört wird. Die Wüste, in die sie das gerufen haben, beginnt nun also doch kleine Pflänzchen zu entwickeln. Langsam vernimmt man die Revisionisten, und das immer mehr. Und sogar offenbar von Le Monde-Lesern.

Wer auch immer die Frage der Verantwortung der Politik auf der Ebene von Prozessen gegen Hühnerdiebe und Mörder alter Frauen zu verhandeln unternimmt, wird sich den Konsequenzen stellen müssen, die diese sehr bedauerliche Konfusion der Rollen, der Register und der Verantwortlichkeiten mit sich bringt. Mitterand -- jeder weiß das -- hat vor und während der Zeit seiner Machtausübung eine große Zahl von Verbrechen begangen. Doch da waren die Amateurstaatsanwälte, die improvisierenden Richter und freiwilligen Henker weniger dummstolz. Da sind sie schön still geblieben, außer Edern-Hallier, der erst in nachdenkliches Schweigen versank, als er mit dem Tod bedroht wurde. Und die noch lauwarme Leiche von Jarnac jagt ihnen Angst ein.

Michel Debré, kaum daß er tot ist, wird beseufzt: weich stolze Karriere als Diener eines Staates, den er doch verraten hat, gegen den er komplottiert hat, dessen Namen er mittels ordentlicher Massaker in Algerien besudelt hat. Hundert Papons würden noch keinen Debré aufwiegen. Aber die Richter sind auf diesem Auge blind. Es gibt keine Errnittlungen; Enthüllungen bleiben unter der Decke. Seit Chirac im Elysée-Palast sitzt, ist von den Prozeßhanseln in Sachen politischer Justiz nichts mehr zu vernehmen. Wie seltsam und wie auffällig. Da ist es doch viel einfacher, sich auf die Besiegten des letzten Krieges zu stürzen. Die dürften sich nicht so gut zur Wehr setzen können.

Diese idiotische Idee -- Politikern für ihre Politik den Prozeß zu machen -- kommt nicht von ungefähr. Sie hatte ihren ersten Auftritt in Nürnberg. Nürnberg heißt das Paradigma der politischen Justiz. Man weiß, daß man, will man ein Nürnberg haben, die an der Macht Befindlichen, über die man Gericht halten will, zunächst ausschalten muß, falls möglich auch militärisch. Im Falle Pol Pot ging das nicht mehr so gut, und deshalb knirscht man hier so mit den Zähnen. Man will ihn schon vor einem Gericht haben, aber er ist nicht militärisch vernichtet worden. Im Gegenteil, die Vereinten Nationen haben ihm die Gelegenheit eingeräumt, sich unter die Unterzeichner des Pariser Abkommens von 1991 zu mischen, das die kambodschanischen Angelegenheiten regeln sollte, und haben so für ein langes Leben Pol Pots gesorgt. Die Deutschen, die darauf geil waren, die DDR-Führung abzuurteilen, haben dies schnell wieder sein lassen. Man kann nur Leute auf die Anklagebank bringen, die total besiegt, entwaffnet, isoliert sind und keinerlei Reserve haben. Aus diesem Grund ist der Prozeß des Kommunismus unmöglich. Die politische Justiz ist -- man muß es einmal sagen -- vor allem eine riesengroße Feigheit.

Aber auch Nürnberg ist nicht vom Himmel gefallen. Die Amerikaner, die dort, wie man weiß die entscheidende Rolle gespielt haben, waren eigentlich nicht scharf darauf. Tatsächlich kam die Idee von Stalin. Er war es, der darauf bestanden und sich durchgesetzt hatte. Und Stalin kannte sich mit Prozessen weißgott sehr gut aus. Er war von Anfang an nicht kleinlich als Scharfrichter, doch die Moskauer Prozesse hatten ihm dann völlig neue Perspektiven erschlossen. Daher ist es schon interessant, den roten Faden zurückzugehen, wenn man das Gelüst nach politischen Prozessen über untergegangene Regime, soweit es sich urn unsere offiziellen Feinde handelt, erklären will: Es ist das Moskauer Modell, das wir immer wieder reproduzieren. Wenn es urn uns geht, dann werden Amnestien erlassen. Für seine Taten während des Algerienkrieges kann man Papon nicht anklagen. Denn die Schuldigen sind weder besiegt, noch entwaffent, noch isoliert: Sie sind in Paris an der Macht.

Urn die Anklageschriften zu verfassen, braucht es Wyschinskis -- Kriecher so glatt wie Aale. Für den Prozeß des Kommunismus hat man eine famose Ansammlung akademischer Nullen auf einen Spieß gesteckt, Historiker dritten Ranges als da sind: Courtois -- von Fachkräften im Wenden des Halses ausgebildet; der weibliche Drachen Annie Bresse -- eine wiederaufbereitete Kriegel; Nicolas Werth -- Plagiator vom Dienst und an langer Strippe zappelnd; Rémi Kauffer -- Füllfederhalter der Polizei; Margolin -- Singapur-Experte, plötzlich als China- und Kambodscha-Fachmann aufgerückt, nur weil er ein paar Bücher über diese Länder, die er nicht kennt, gelesen hat; Rigoulot -- ehemaliger Propagandist der CIA-Legende vom "gelben Regen": die crème de la crème halt... Ein Haufen Geschichten und Episoden, zusammenphantasierte Zahlen: die völlige Abwesenheit von dem, was andere zu anderen Zeiten unter Geschichtsschreibung verstanden.

Wer zeit seines Lebens gegen den Stalinismus kämpfte, hat natürlich mit diesem großen Scheißhaufen auf dem Fußabtreter nichts zu tun. Ein politischer Kampf wird mit politischen Mitteln gef'ührt, und nicht mit juristisch-literarischen Trugbildern. Dieses Buch verhält sich zur Geschichte der kommunistischen Weltbewegung wie die Barbiepuppe zu richtigen Frauen.

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Les révisionnistes ne font pas le détail, Le Temps Irréparable, 6 Dezember 1997; Sleipnir, 4, 6, 1998, S. 42-3, Übersetzung von Peter Töpfer.


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