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Die Freude der Kurzsichtigen

Serge Thion

Am 13. September 1993 unterzeichneten Yassir Arafat und der israelische Premier Rabin das erste israelisch - palästinensische Abkommen. Viele Menschen in allen Ländern, vielleicht die Hälfte der Israelis und ein knappes Viertel der Palästinenser hatten diese Nachricht mit großer Freude aufgenommen. Sie sahen darin den Beginn eines Friedensprozesses. Nun ist der Friede sicherlich eine wünschenswerte Sache; umso erstaunlicher, daß nicht alle seine Ankunft feierten.

Wenn sich nach einem langwierigen Konflikt Frieden abzeichnet, dann muß es einen Sieger und einen Besiegten geben. Im vorliegenden Falle ist es nicht sonderlich schwierig, den Besiegten auszumachen: Die PLO hat seit 13 Jahren praktisch jede militärische Aktion gegen den Hebräer - Staat aufgegeben; ihre im Libanon stationierten Streitkräfte wurden 1982 von Sharons Armee vernichtet. Seither tritt Arafat für eine Art Vereinbarung wie die jetzt in Washington getroffene ein. Die palästinensische Führung befand sich, seit die USA eine arabische Anti - Bagdad - Koalition bildeten, finanziell im Würgegriff eben jener Koalition, deren Regierungen nur Washington und nicht ihren Völkern dienen. Vor allem aber verliert die PLO seit den 60er Jahren beständig bei den Palästinensein selbst an Boden. Haben diese in ihr noch lange den Ausdruck ihres Widerstandes auf internationalem Parkett sehen wollen, so ist deren Führung, verkörpert durch Arafat, immer weniger repräsentativ. Die Linke hat kaum Raum gewinnen können; dagegen hat sich eine ihrer Natur nach islamische Opposition besonders in den besetzten Gebieten und dort vor allem im Gazastreifen fest etabliert. Sicherlich hat der israelische Machiavellismus dazu beigetragen, doch das Mißtrauen der Entrechteten aus den Lagern und den besetzten Gebieten gegenüber den an der Macht befindlichen Honoratioren und Kandidaten aus der Umgebung von Arafat noch viel mehr.

Arafat ist ein erbärmlicher Heerführer gewesen. Demgegenüber war ein großer Diplomat. Die Art und Weise, wie er 1982 den Rückzug der PLO ausgehandelt hat, war lehrbuchreif. Und was er heute den Israelis abgerungen hat, wo er doch mit leeren Händen dasteht, ist ebenfalls eine Glanzleistung. Besiegt an allen Fronten, mit dem Rücken an der Wand, glaubt er sich retten zu können, indem er das Inakzeptable akzeptiert und sich den Israelis in die Arme wirft. Logik der Niederlage.

Man muß aber auch die andere Seite des Problems sehen. Wenn die Palästinenser jetzt etwas erreichen, und sei es auch nur der Abfall von Jericho, dann nur, weil sie vor Ort den Besatzer bekämpft haben. Es war die Intifada mi t ihren Steinen, die die Selbstherrlichkeit der zionistischen Machthaber gebrochen hat. Darin zeigte sich das wahre Kräfteverhältnis, und nicht in den Palästen von Tu ni s oder norwegischen Bauernhäusern. Wenn die Israelis nach geben, dann weil sie den Knochen Gaza quer im Rac hen stecken haben. Das ist der einzige Ort, an dem sie nicht ihre nukleare Erpressung einsetzen können. Es ist der einzige Teil Palästinas, der nie annektiert wurde. Von ihm haben auch die Ägypter, die zwischen 1948 und 1967 eine zurückhaltende Vormundschaft ausgeübt hatten, die Finger gelassen. Selbst der israelischen Rechten widerstrebte es, auf einen Schlag eine Million von erzwungenem Nichtstun und Elend gezeichnete Araber zu übernehmen. Die Okkupation und ihre schrecklichen Begleiterscheinungen hat das, was einige israelische Beobachter die Aufweichung der israelischen Gesellschaft nennen, bedenklich beschleunigen lassen. Der Gazastreifen, besonders seit Beginn der Intifada, ist ein Geschwür, das Israel anfrißt und das keine Medizin hat unterdrücken können. Seit langem weiß man in Jerusalem, daß nur noch die Amputation bleibt. Doch wird keiner den Gazastreifen übernehmen wollen; Gaza aber in den Händen seiner eigenen Bewohner zu sehen, ist den Israelis auch wieder nicht recht. Daher die Idee, sich auf Arafat zu verlassen, den Kandidaten der emigrierten palästinensischen Bourgeoisie, der seit zehn Jahren bereit ist, jede sich bietende Gelegenheit des Überlebens unter welchen Umständen auch immer zu ergreifen, solange nur der Schein gewahrt bleibt.

Die Leute im Gazastreifen haben sehr wohl begriffen, daß der israelischen Armee und seinen maskierten Killerkommandos die PLO - Polizei mit ihren zähen Jungs folgen werden. Die Zukunft wird zeigen, was sie bei diesem Tausch gewonnen haben. Sollte die Lahad - Miliz im Südlibanon zerfallen und die Israelis gezwungen sein, erneut im Libanon zu intervenieren, so stünden sie, indem sie sich auf die PLO als neue Söldnergarde des Gazastreifens stützen könnten, in einer vergleichsweise vorteilhaften Position. Und hätten mit einer chirurgischen Meisterleistung das Krebsproblem gelöst.

Das wird den Palästinensern erneut vor Augen führen, was sie immer schon wußten: Man erzielt nichts ohne einen schweren, ausdauernden, mitunter auch blutigen Kampf ; und daß sie, einmal die israelische Soldateska losgeworden, auch mit den Bullen Arafats fertigwerden und diese werden ausschalten müssen.

Wer also in diesen Verhandlungen das Licht eines heraufziehenden Friedens zu erblicken glaubt, ist ausgesprochen kurzsichtig.

Rabin und Peres, die schon seit 40 Jahren die harte Vorgehensweise favorisieren, haben mitnichten von einem Tag auf den anderen ihre Politik gewechselt. Sie betreiben genau die gleiche, nur mit den derzeit entsprechenden Mitteln. (Mit dem Ende des Kalten Krieges hat Israel an Gewicht verloren.) Was sie, auf dem Papier, vom Prinzip einer palästinensischen Selbstverwaltung akzeptieren, geht weit über das hinaus, wa& der Expansionist Begin in Camp David unterzeichnet hatte. Die Wut des Likud - Blokkes ist mit diesem Verzicht, bzw. dem Eingeständnis, daß diese Abkommen doch nur Papierfetzen sind, zu erklä ren. Doch deswegen Rabin angreifen und so tun, als wäre er weniger heuchlerisch als "König" Begin? Die ganze Hinterhältigkeit dieser Verhandlungen besteht gerade darin, nicht von der Zukunft zu sprechen, überhaupt keine Verpflichtungen bezüglich der besetzten Gebiete einzugehen.

Doch wenn dieses Washingtoner Abkommen das Ende der PLO als Repräsentant der Interessen des palästinensischen Volkes (und deren Verwandlung in eine von den Amerikanern bezahlten Wächter - Truppe) bedeutet, so ist es auch der Anfang vom Ende des Staates Israel. Es sei daran erinnert, daß dieses ideologisch - juristische Monstrum 1948 aus einer Entscheidung der UNO geboren wurde, die diese zu treffen überhaupt kein Recht hatte: nämlich den Teil eines Gebietes an eine Gruppe fremder, sehr verschiedener und nicht dorthin passender Immigranten zu vergeben, über das es keinerlei Recht, auch nicht das der Vormundschaft, hatte. Darin besteht die "historische Ungerechtigkeit " von der Arafat gestern, neben Rabin stehend, sprach. Keines dieser schmutzigen Spielchen, denen wir zusehen, wird das Problem dieser fundamentalen Ungerechtigkeit lösen können. Doch lassen wir die Frage des Rechts beseite. Tatsache ist, daß Israel bis zum heutigen Tage nur unter Ausübung von Gewalt und Terror und dank der Drohung mit deren Anwendung am Leben geblieben ist. Für das westliche Publikum genügt im allgemeinen ein mächtiges Geschrei um das sehr reell von den Juden Europas erfahrene Leid, die brutalen Methoden der Polizei, mit denen der Judenstaat seine Präsenz erzwingt, einzunebeln; eine Präsenz, deren Legitimität für die Bewohner der Region noch von keiner Macht der Welt hergestellt werden konnte. Das heißt, genauer betrachtet, daß sich Israel, indem es sich zum aggressiven Vorposten des US - Imperialismus verwandelt hat, das Arsenal seines Unterdrückungsapparates schuf. Doch in dieser Hinsicht nimmt seine Nützlichkeit eher ab.

Die nukleare und thermonukleare Bewaffnung (ein offenes Geheimnis, dessen Kenntnis ein Markstein für all jene bleiben wird, die zu verstehen suchen, worin die Macht des Westens besteht) schützt Israel vor seinen Nachbarn, nicht aber vor den einheimischen Palästinensern. Doch wenn der Terror nicht mehr funktioniert (siehe Intifada), kann Israel auch nicht mehr mit Gewalt herrschen. Nun ist aber alles in diesem Land gerade auf Gewalt ausgerichtet. All es andere ist belanglos, Zugnum mer für Touristen und zionistisches Marketing, um die Diaspora am Zahlen zu halten. Die Armee und die Geheimdienste sind das Rückgrat des von ehemaligen Spionen und Militärs verstopften politischen Systems, die über den immensen Sektor der Rüstungsindustrie auch die übrige Wirtschaft kontrollieren. Bildung, Presse, das ganze soziale Leben wird von den rigorosen nationalen Sicherheitskonzepten bestimmt. Diese basieren auf einem einigermaßen rassistischen Verständnis einer Identität, die stets als von feindlichen, den Rest der Welt beherrschenden Kräften bedroht empfunden wird. Die Vereinbarungen von Washington könnten als erstes Zeichen dafür an gesehen werden, daß dem Judenstaat sein Terror- instrumentarium abhandengekommen ist, daß er Kompromisse eingehen muß. Diese Kompromisse werden sein einziges Daseinsmittel, das eben darin bestand, Terror auszuüben, unterminieren. Dieses einzige soziale Bindemittel wiederum wird sich auflösen und alles könnte ann ziemlich schnell gehen. Der jüdische Staat würde auf mittlere Sicht in Verhandlungen mit den Arabern treten, um, wie in Südafrika, eine gänzlich neue Staatsstruktur aufzubauen, die sich auf paritätische Vertretungen der örtlichen Bevölkerung gründen würde. Die Ursachen, die den auf der Apartheid basierenden Staat der Weißen zugrundegehen ließen, sind die gleichen, die dem zionistischen Gebilde den Nieder - und schließlich den Untergang bringen werden. Es sei daran erinnert, daß die Juden nichts daran gehindert hat, bis 1948, im Mittleren Osten und in Palästina zu leben.

Doch ich glaube nicht, daß wir uns wirklich auf dem Wege des unvermeidlichen Endes des letzten Abenteuers der europäischen Kolonialexpansion befinden. Wenn die zionistischen Führer es für klug halten, sich an ihren hauseigenen Feind zu wenden, dann weil sie ihm zutrauen, mit den Palästinensern fertig zu werden, die doch immer mehr verlangen werden. Auf diese Weise glauben sie, ihre regionale Hegemonie endgültig festigen zu können. Auch sie sind kurzsichtig. Arafat wird niemals den Gazastreifen regieren können. Dazu hat er weder die militärischen noch die politischen Mittel. Das Geld, das die einen oder anderen bereit sind, in eine Anästhesierung des Gazastreifens und der besetzten Gebiete zu investieren, wird schnell vergeudet sein. Man wird eine vorübergehende Euphorie erleben und danach wird das bodenlose Faß alle grundsätzlichen Probleme unverändert wieder ans Tageslicht spülen. Selbst die Resolution 242, die den Austausch von "Frieden" gegen die "Gebiete" vorsieht - obwohl schon seit langem von der PLO akzeptiert - , ist ein Täuschungsmanöver und kann für eine dauerhafte Lösung nicht als Grundlage dienen. Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar kommt zu Ihnen, haut Ihnen eins rüber und eignet sich die Hälfte Ihrer Wohnung an. Eines Tages dreht er durch und nimmt sich den ganzen Rest auch noch. Ein Richter kommt und sagt Ihnen, er werde Ihnen die zweite Hälfte zurückgeben, aber Sie müßten ihm den Besitz der ersten anerkennen! Sie bekämen emste Zweifel an der Justiz.

Dies ist also nicht der Frieden. Es besteht kein Anlaß, in Freude auszubrechen. Ich kann dies nur bedauern. Die Gelegenheiten, sich über etwas zu freuen, sind selten. Es tut mir leid, feststellen zu müssen, daß die linken Bewegungen und die palästinensischen Islamisten derart recht behalten. Man kann einfach nicht die ganze Welt die ganze Zeit über zum Narren halten. Das sollte doch eigentlich bekannt sein.

Was ist, ein Jahr nach den Vereinbarungen von Washington, aus unserem Gaza - König geworden? Er hat nicht einmal den Abzug der Handvoll israelischer Siedler (5000) erreichen können, die ein Fünftel der Fläche dieses Gebietes besetzen (das ist das rich tige Wort dafür), eines mit 900. 000 Einwohnern auf 350 qkm am meisten übervölkerten Gebietes der Welt, wobei die Übervölkerung ganz und gar auf das Konto der Niederlassung jüdische Siedler in Palästina geht. Die zwei Öffnungen, die den Gazastreifen mit Palästina und dem ägyptischen Sinai verbinden, bleiben unter Kontrolle der israelischen Armee. Das von den westlichen Regierungen versprochene Geld bleibt aus. Der König von Gaza ist nackt und die Leute von Gaza sehen dies deutlich.

Am 2. November 1994 lassen die Israelis Hani Abed, einen unbedeutenden islamistischen Führer, ermorden. Am 11. November schickt der Dschihad einen Kamikaze - Kämpfer zu einer israelischen Militärstation im Inneren des Gazastreifens: Drei Soldaten werden getötet. Und so geht es weiter. Wer soll den Bullen machen, die Israelis zu beschützen? Das ist der arme Arafat. Doch was kann er schon ausrichten? Der Gazastreifen ist bereits ein einziges Gefängnis. Die Israelis müssen nun klar erkennen, daß sie den palästinensischen Befreiungswillen nicht zerschlagen können, was auch der israelischen Armee nicht gelungen war. Man wird bald einsehen müssen: Der Friede ist nicht da, die Vereinbarungen sind nur für die Vasallen der Amerikaner untereinander von Bedeutung; Israel hat bereits zugegeben, daß es keinen wirklichen Rechtstitel besitzt, denn es mußte einen solchen für die Palästinenser anerkennen. Es ist mithin die nicht zu unterdrückende Existenz der Palästinenser, die nach und nach die ideologische Konstruktion namens,judenstaat'auflösen wird. Diesen Judenstaat wird man nicht umhinkommen, in den gleichen Schrank zu stecken, in dem schon Klamotten wie das "T ausendjährige Reich", der "Neue Mensch" der stalinistischen Theologie, Maos "unfehlbare Gedanken" und ähnliche Possen hängen.


Sleipnir , 2, März-April 1995, S. 21-23.

Aus:

Gazette du Golfe et des banlieues, 8, novembre 1993, éditorial.


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