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Serge Thion

Historische Wahrheit oder Politische Wahrheit?

Die Macht der Medien: der Fall Faurisson

 

Erster Teil

3. Die Perspektive

Ich sollte den Leser hinsichtlich meiner eigenen Überzeugung, zu der die sicher allzu kurze Beschäftigung mit diesem Berg von Schriften beigetragen haben mag, gewiß nicht im Unklaren lassen. Eines scheint mir jedenfalls festzustehen: der Zweifel daran, daß die Dinge sich auf diese bestimmte Weise zugetragen haben, ist erlaubt. Diese Version der Geschichte der Judenvernichtung, wie sie in der Erklärung der Historiker und etwa im Artikel von Francois Delpech gegeben wird (die Poliakov, bzw. das in zahllosen, oft ein wenig zu schnell geschriebenen, gewisse Vorurteile des alliierten Militärtribunals von Nürnberg reproduzierenden Büchern dargelegte, wieder aufgreifen), diese Version scheint mir -- mit all ihren Attributen einer universellen Glaubenslehre -- auf bemerkenswert schwachen Füssen zu stehen. Auf den ersten Blick trägt sie alle Merkmale einer sich sinnvoll ergänzenden Hypothese; -- die durch bequeme Auslegung von Dokumenten zustande kam. Man hat unzureichend darauf geachtet, daß andere Interpretationen, ohne den Regeln der Logik Gewalt anzutun, ebenfalls möglich sind. Diese Version des Geschehens lässt viel zu viele Fragen unbeantwortet, um von besonnenen Geistern als endgültig akzeptiert zu werden. Darüber hinaus: ich weiß es nicht. Hat es in Auschwitz und anderswo Gaskammern gegeben? Faurisson und andere meinen: nein. Ihre Argumente sind mir bekannt, die der Gegenseite ebenso; ich sehe mich nicht in der Lage, hier zu urteilen. Denn schließlich hätte -- selbst wenn man sich dessen versicherte, daß die Dinge sich nicht so abgespielt haben können, wie die zweifelhaften Zeugen es behaupten -- es doch auf andere Weise geschehen können: weniger schnell, auf nicht ganz so grosser Stufe. Ich sehe keine Möglichkeit, mich beim gegenwärtigen Forschungsstand guten Gewissens zu entscheiden. Das wäre, glaube ich, die Aufgabe der nächsten Generation professioneller Historiker.

Es hat Zwangsverschickungen in beträchtlichem Umfang und eine grosse Zahl von Toten gegeben. Bei den Angaben, die hierzu gemacht wurden, handelt es sich um blosse Schätzungen; welche wiederum weit auseinanderliegen. Die Gewissheit vor Augen, daß die überwiegende Mehrheit der Juden vergast wurde, hat nirgenwo auf der Welt jemand ernsthaft in Erfahrung zu bringen versucht, was aus den Deportierten nach ihrer Abfahrt geworden sei. Selbst der Umfang der Zwangsverschickungen ist nur näherungsweise bekannt. Ein offiziöses französisches Institut beispielsweise weigert sich, zu dieser Frage Zahlen zu veröffentlichen. Man weiss nicht einmal, ob die Angaben anderer Länder überprüft und miteinander verglichen wurden. Möglicherweise haben das eine oder andere Mal Vergasungen stattgefunden. Die behauptete Anwendung industrieller Methoden aber ist in einer Weise, die all die Fragen, die man in anderem Zusammenhang an die Funktionsweise eines industriellen Unternehmens zu recht stellte, beantwortete, bislang nicht untersucht worden. Das ist es, was ich das Wie des Warum nenne: ein Komplex bohrender Fragen, der jene nach den Gaskammern einschließt, aber weit darüber hinausgeht./31/ Wer mir also das Recht des Wissens nicht verweigern möchte -- mir und anderen -- der täte gut, keine Hindernisse zu errichten und an Untersuchungen, die den "Nebel"ä von dem Poliakov spricht, eines Tages lichten sollen, keine Vorbedingungen zu stellen.

Nicht wenige meiner Freunde haben Angst. Sie meinen, derartige Fragen zu stellen, und sei es aus den ehrenwertesten Motiven, laufe -- ob man es wolle oder nicht -- darauf hinaus, die Realität des Völkermordes in Zweifel zu ziehen, den Antisemiten Argumente zu liefern, den Rechten zu helfen. "Zudem würdest Du selbst von den Antisemiten nicht zu unterscheiden sein!", fügen jene hinzu, die sich um meine Seelenruhe die größten Sorgen machen.

Schwer lastet die Veranwortung, groß sind in der Tat die Gefahren, sollten diese Sorgen berechtigt sein. Was ließe sich den Gerüchten, den Desinformationen (die gelegentlich durchaus aufrichtigem Zorn geschuldet sind), den aus einer Vermengung von Gefühlen entspringenden Bosheiten, entgegensetzen? Ich bin nicht der Mann, der bei den Gerichten Hilfe sucht; ich würde mich nicht schlagen, ich habe für Beleidigungen nicht genug Respekt, es mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ich habe zu meinem Schutz nur den gesunden Sinn der anderen, und die Gewissheit, daß ein Mißverständnis sich mit ein wenig gutem Willen beheben läßt. Vor allem aber bin ich sicher, daß Meinungsverschiedenheiten, selbst zwischen Nahestehenden, auch auszuhalten sind, daß sich mit ihnen leben läßt. Alles in allem gibt es unter denen, die mit mir zusammen angefangen haben, Politik zu machen, nicht viel, mit denen ich mich stets in übereinstimmung befunden habe. Auch hat das alles wenig mit meiner Person zu tun, für die ansonsten, falls sich jemand dafür interessiert, meine Schriften Auskunft geben können./32/ Auch die Vorstellung, man könnte den Antisemiten Argumente liefern, lasse ich beiseite: diese Leute brauchen keine; sie können sich auf eine solide Tradition aus Irrtümern, Lügen und Verleumdungen stützen.

Den Rechten zu helfen dagegen ist ein Einwand, der Prüfung verdient. Man wird zunächst bemerken, daß es sich um eine unmittelbare Hilfe kaum handeln kann. Seinerzeit, da die Affäre Faurisson in den Zeitungen zu einer ward, die Titelgeschichten lieferte, gehörten die Minister und Gefolgsleute Giscards zu den angriffslustigsten. Oder anders gesagt: Wahrscheinlich waren diejenigen, die irgendwann einmal Gaullisten gewesen -- und wer war das nicht, unter den Leuten von Welt - der Ansicht, daß die Legitimität der politischen Gegenwart ihre Wurzeln in der in der Libération habe, d. h. in einer Zeit, die alle Schuld den Deutschen zuwies. Es ist nicht zu erkennen, welchen Nutzen sie von einer eventuellen Revision hätten. Rechts davon lässt sich noch eine schmale Schicht von Anhängern Pétains ausmachen, die ebenfalls alle Sünden auf die Deutschen laden, auf daß die Güte ihres Marschalls um so deutlicher hervortrete. Verblieben die faschistische Rechte und jene Mischung verschiedenartigster Elemente, die man "Neue Rechte" nennt. Ob die Inspiratoren der letzteren nun Wölfe im Schafspelz oder lediglich alte Faschisten sind, die sich nur ein wenig angepasst haben, mag jeder selbst herausfinden. Ein paar Wurzeln in der Erde Hitlers haben sie gewiß; die einzige Chance ihres Erfolges aber liegt in einem gewissen Modernismus, der es verbietet, als Fortsetzung des Nationalsozialismus zu erscheinen. So wie die Generalstäbler sich stets auf vergangene Kriege vorbereiten, weiß der Antifaschismus nur den Formen der Vergangenheit zu begegnen. Was aber ist von dieser geblieben? Die letzten Überlebenden der Division Charlemagne? Ein paar versprengte Bewunderer des Führers? Sie führen keinerlei politische Essistenz. Für sie kommt jede Hilfe zu spät.

Kommen wir auf den zentralen Gegenstand der Frage zurück: ein wichtiges Verbrechen aus dem Katalog nazistischer Untaten zu streichen, würde zu einer Rehabilitierung des III. Reiches, oder zu dessen "Banalisierung" führen, es anderen politischen Regimen vergleichbar machen. Dies aber ist ein Vorwurf, der zwei Dinge vermengt: man unterstellt den Autoren, die an der Essistenz der Gaskammern zweifeln, die Absicht, auch alle anderen -- viel besser bekannten und bestätigten -- Schreckenstaten in Zweifel ziehen zu wollen. Solch ein Vorgehen ist reine Polemik. Diejenigen, denen daran gelegen ist, die Wiederkehr der braunen Pest für alle Zeit zu verhindern, sollten sich fragen, welche Methode die geeignetere sei: ein Maximum an Schreckensmeldungen auch auf die Gefahr hin zu sammeln, sich der sbertreibung oder gar der reinen Erfindung überführen zu laßen, oder sich auf unumstössliche Wahrheiten zu beschränken, die für die Phantasie vielleicht weniger eindrucksvoll, dafür aber nicht in Zweifel zu ziehen sind.

Mit Überraschung bemerke ich, daß in der Fachliteratur ein Verbrechen, von dem ich tausendfach gehört habe, nirgendwo erwähnt wird: die Verarbeitung getöteter Juden zu Seife. Obwohl man diese Seife doch gesehen hat. Und will eine gewisse Erleichterung gestehen, wenn ich annehme, daß dieses Verbrechen ebenso Legende, wie die Nägel des heiligen Kreuzes, die Haare vom Bart des Propheten, oder die Zähne Buddhas ist, die ich ebenso hier und da gesehen habe.

Auch einer der vierunddreissig unterzeichnenden Historiker, E. Le Roy Ladurie, hat, indem er die Zahlen eines sowjetischen Demographen -- und Dissidenten -- aufnimmt, der dem Stalinismus einen Verlust von 17 Millionen Menschen zuschreibt, zu meiner Erleichterung beigetragen: räumt er damit doch phantastische und entsprechend unglaubwürdige Kalküle wie die Solschenitzyns (60 Millionen) ab und hilft, indem er das Phänomen beschreibt, es begreifbar zu machen; er liefert eine viel wahrscheinlichere, glaubwürdigere Grundlage für ein Urteil, für eine politisch-moralische Bewertung. Soviel ich weiß, hat bis jetzt noch niemand E. Le Roy Ladurie beschuldigt, den Stalinismus rehabilitieren oder "banalisieren" zu wollen (von dem er, wie man im übrigen weiß, vollkommen geheilt ist). Nein, ganz im Gegenteil, es wird deutlich, daß es um nichts als die Sicherung unbestreitbarer, und damit um so belastender, Tatsachen im Rahmen eines Prozesses geht, der noch immmer nicht wirklich eröffnet ist -- die Nachfolger Chrustschows haben darauf verzichtet.

Gilt es also, mit verschiedenen Ellen zu messen? Ich glaube nicht. Der Unterschied liegt darin, daß E. Le Roy Ladurie sich auf einen sowjetischen Dissidenten stützt, von dem man eher, wie bei Solschenizyn, die eine oder andere Zutat erwartet hätte. Der Umstand, daß er die üblichen Schätzungen zurechtstutzt, wird als Beweis seiner Wahrheitsliebe angesehen. Während die Thesen der Revisionisten hinsichtlich der Gaskammern und der -- ebenfalls entsprechend reduzierten -- Zahlen der Opfer der Deportationen, im allgemeinen nicht dem reinen Willen zur Wahrheit zugeschrieben werden. Man unterstellt ihnen, sie hätten sich zu schlichten Werkzeugen machen lassen, die sich böswillig auf die Lücken in der Dokumentation stürzen und dem Umstand, daß es sich bei den gewöhnlich übertriebenen Angaben um Vermutungen handelt, übermäßig Gewicht beimessen. (Daß es sich bei der Zahl von sechs Millionen um eine Schätzung handelt, die keinerlei wissenschaftliche Untermauerung hat und auch unter Vertretern ansonsten übereinstimmender Geschichtsauffassung umstritten ist, ist bekannt. Es existieren, bei Anwendung ansonsten gleicher Methoden, Schätzungen, die sich in der Größenordnung erheblich unterscheiden. Und es gibt gar keinen Grund, solange die Archive noch nicht ausgewertet sind, zu behaupten, daß man die korrekten Zahlen niemals werde kennen können). Man entzieht ihnen das Vertrauen, denn es sieht so aus, als würden sie -- während der sowjetische Dissident, der dasselbe tut, einen Nachteil davon hätte -- aus der Reduktion der Opferzahl einen politischen Nutzen ziehen. Und das mag im Fall einer Rechten, sie versuchte die moralische Verdammung, deren nahezu exklusiver Gegenstand der Nationalsozialismus war, zu unterminieren, sogar so sein. Daß die einen oder die anderen, Einzelne oder Gruppen versuchen könnten, hier zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Es gibt unter den revisionistischen Autoren (auf die Heterogenität dieser "Schule" habe ich bereits hingewiesen) gewiß Leute, die von ihrer Ideologie her als Nazis betrachtet werden können. Es gibt andere, die es gewiß nicht sind. Aber das ist alles zweitrangig, hält man sich vor Augen, daß keinerlei Berührung zwischen der Frage nach der politischen Rentabilität einer Aussage und dem Kriterium der Wahrheit derselben besteht. Diese Ausführung abzuschliessen will ich nur noch bemerken, daß Le Roy Ladurie selbst offensichtlich keinerlei Möglichkeit hatte, die Angaben des sowjetischen Demographen zu überprüfen, und er behauptet das auch nicht: er trägt lediglich Thesen vor, für deren Wahrscheinlichkeit, für deren Glaubwürdigkeit spricht, daß weder er noch der Dissident einen Nutzen aus diesen ziehen. Im Grunde aber können wir unmöglich wissen, ob diese Aussagen wahr sind. Wir tauschen die bislang üblichen, die akzeptierten Schätzungen in unseren Köpfen gegen die von Le Roy Ladurie vorgeschlagenen allein auf Grund des Kriteriums des politischen Interesses des Urhebers: ein flaues Gefühl aber bleibt und wir übernehmen diese neuen Zahlen lediglich provisorisch, in Erwartung eines besseren. Es läßt sich aber keine Regel der Art konstruieren, daß eine Schätzung nur zu akzeptieren sei, wenn garantiert ist, daß der Autor keinerlei politisches Interesse damit verbindet. Denn das würde dazu führen, daß eine jede These, die in irgendeiner Weise die gerade herrschende Meinung bestätigt, zu verwerfen sei. Die Wirklichkeit aber ist um vieles komplizierter; ohne hier auf die Tatsache einzugehen, daß die politischen Interessen des Anderen nicht immer richtig beurteilt werden. Ich habe nach der Unabhängigkeit Algeriens dort einige recht interessante Diskussionen mit Leuten geführt, die meine äusserst kritische Haltung der Politik De Gaulles gegenüber nicht verstehen konnten: daß ein Franzose seine politische Energie in den Dienst der algerischen Unabhängigkeit stellt, liess ihn in ihren Augen zum Verräter an Frankreich werden, den sie ebenso wie die Verräter an Algerien verdammten.

Propaganda erzeugt Gegenpropaganda; und es verliert seine Seele, (heute würde man sagen: seine Glaubwürdigkeit) wer -- im Namen naturgemäss schwankender Interessen --, auf die eine oder die andere Seite sich einlässt. Für Leute wie mich ist die Wahrheit die einzige Waffe, die sich nicht gegen den, der sie gebraucht, verwenden lässt. Ob das politische Interesse mit ihr übereinstimmt oder nicht, ist eine Frage der Umstände, der jeweiligen Position, oder auch der politischen Moral.

Politische Legenden wachsen nach dem Schneeballprinzip: je größer sie sind, desto mehr legen sie zu, schwellen sie an. Wir haben hierfür ein ganz aktuelles Beispiel vor Augen. Nachdem ich ein Jahrzehnt damit verbracht hatte, die Ereignisse in Kambodscha aus der Nähe zu verfolgen, glaubte ich mich zu folgenden Zeilen berechtigt: "Etwa zu Anfang des Jahres 1977 erschien in der rechten amerikanischen Presse zum ersten Mal die Zahl von zwei Millionen Toten. Sieht man sich die Quelle dieser Angabe aus der Nähe an, wird klar, daß es sich um vollständig fabrizierte Daten handelt... Diese von der amerikanischen Presse gestifteten zwei Millionen wurden von der Propaganda Hanois umgehend aufgegriffen, die dann, ohne Zeit für Erklärungen zu verlieren, gleich drei Millionen daraus machte; ein Zahl, die von den Medien des Westens wiederum (Antenne 2, le Monde), -- die es sonst mit der Wiedergabe dessen, was Hanoi sagt, weniger eilig haben -- ohne viel Federlesen übernommen wurde. Ein Mythos wirkt, wenn er in die Welt passt..." Und ich glaubte hinzufügen zu dürfen: "Es dürfte vernüftig sein, von einer Zahl von einer Million Toten -- vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger -- seit 1975 auszugehen."/33/ Habe ich mich also irrigerweise gegen die vielen mehr oder weniger ehrgeizigen Journalisten und ihre absonderliche Erfindung, ihre Idee vom "Völkerselbstmord" gestellt? Gegen die vielen Investigatoren und Kommentatoren, die meinten, die Zahl von drei Millionen würde schießlich von aller Welt anerkannt, gegen Sihanouk, gegen die Presse der Kommunisten? Zwei Tage später findet sich in le Monde eine kleine AFP-Meldung, am Fuß einer Seite, erstellt von jenen, die über die umfangreichsten Informationsmöglichkeiten verfügen: "Nach Schätzungen des amerikanischen State Department sind in Kambodscha seit 1975 an den Folgen von Krieg und Hungersnot etwa 1,2 Millionen Menschen gestorben, wodurch sich die Bevölkerungszahl auf etwa 5,7 Millionen verringerte."/34/

Eine derartig reduzierende Schätzung hat keinerlei Chance, von den Medien aufgegriffen zu werden, obwohl sie nach Auffassung verschiedener mit Kambodscha vertrauter Personen die bei weitem solideste ist. Und obwohl klar ist, daß sie an der Beurteilung eines derartigen politischen Systems nichts ändert. Man sollte annehmen, daß damit doch immerhin ein diskreter Wink zur Mässigung, zur Dämpfung der medialen Inflation ergangen sei, daß die Journalisten es läsen und einen Moment darüber nachdächten. Wenige Tage später, am 11. Oktober 1979, meint der Kommentator von Antenne 2 in einer Sendung "Kambodscha Spezial", es habe vor zwei Jahren in Kambodscha acht Millionen Menschen gegeben, heute seien es ihrer vier"; ohne zu bemerken, daß damit gesagt würde, es sei vor 1977 niemand gestorben. Am folgenden Tag wird dieser Rekord von J.-M. Cavada (FR3 ) gebrochen, der behauptet, es lebten von ehemals sieben Millionen Kambodschanern nur noch drei. Für Libération waren es einen Tag später nur noch zwei. Ich aber, der ich Monate mit der Beschaffung und der Analyse verschiedener Unterlagen verbracht, der ich die verschiedensten Interviews durchgesehen und versucht habe, die Tatsachen so gut als möglich herauszuarbeiten, der ich Land und Leute und den Ernst der Situation kenne, ich komme mir wie ein Idiot vor; -- wie ein Idiot, der mit einem Knüppel aus gefälschten Daten verprügelt wird. Wenn ich aber im Namen dessen, was ich für die elementare Wahrheit halte, Einspruch erhebe, sieht man mich mit schiefen Augen an: hegt er etwa im Verborgenen Sympathien für Pol Pot?

Noch ein weiteres Beispiel aus der Medienküche? Kleine Schlauköpfe verbreiteten das Gerücht: "Bokassa ißt Menschenfleisch". Es ward schnell klar, las man aufmerksam die entsprechenden Veröffentlichungen unserer verdienstvollen Presse, daß es sich um eine Ente handelte. Egal, der Mythos war in die Welt gesetzt, und lieferte im Nachhinein einen hübschen Rauchvorhang für die französische Militärintervention in Zentralafrika. Die öffentliche Meinung, vor allem Afrikas, war erst einmal narkotisiert.

Das Verfahren ist einfach genug: man greift gewisse Einzelheiten heraus; diese werden auf eine Weise, an die das Publikum nicht sofort denkt, ein wenig angereichert und aufbereitet, und schon sieht es um so wahrhaftiger aus. Hitlers Gefolge hat es in diesem kleinen Spiel weit gebracht, die Kommunisten und die Demokraten des Westens stehen ihnen nicht nach. Wenn die Intellektuellen in dieser Welt der Gemeinheit eine Verantwortung haben, so die, zu dekonstruieren und nicht zu konsolidieren. Die schwierige, oft entmutigende, manchmal geradezu undurchführbare Suche nach der Wahrheit wird jenen politischen Kräften, die ihre Herrschaft auf Unwissenheit und Lügen bauen, niemals von Nutzen sein. Sollten aber tatsächlich in bezug auf die 40er Jahre verschiedene unangenehme Wahrheiten zu entdecken sein, wäre es dann besser, die Rechten würden sich um diese verdient machen, sich ihrer als Waffe bedienen? Falls man sich aber nach Öffnung der Eiterbeule bei ungefähr den Positionen wiederfände, wie sie heute in Geltung sind, was wäre verloren?

Viele werden mit dem bisher gesagten übereinstimmen. Und bringen einen letzten Vorbehalt, den sie für entscheidend halten: jetzt sei nicht der Zeitpunkt, derartige Probleme zu diskutieren, der Antisemitismus erhebe sein Haupt, man beachte nur die entsprechenden Bücher, die Flugblätter, die Anschläge. Ich pflege zu antworten, man solle die Ruhe bewahren, denn aus der Nähe betrachtet, passiert heute kaum mehr als früher. Daß innerhalb der jüdischen Gemeinde eine gewisse Unruhe spürbar ist, mag sein; aber auch sonst macht sich Unruhe bemerkbar. Die These vom wachsenden Antisemitismus wird seit Kriegsende ständig wiederholt: noch nie hat es bislang geheissen, der Antisemitismus sei am Sinken. Aus der Perspektive betrachtet, kann diese These also nicht stimmen. Wer das Nichtvorhandensein jeglichen Antisemitismus zur Bedingung macht, muss bis zum Sankt Nimmerleinstag warten. Man sollte sich keine Illusionen machen: die Frage nach der Existenz der Gaskammern ist in den zurückliegenden zwanzig Jahren immer wieder gestellt worden, und sie wird auch weiterhin, ob man will oder nicht, gestellt werden. Es häufen sich Bücher und Aufsätze, auf die man keine andere Amtwort hat, als: "Eine solche Frage stellt sich nicht!" In Deutschland sind derartige Bücher verboten, werden ihre Autoren bestraft. Ein sehr kurzsichtiges Verfahren, bei dem nichts Gutes herauskommen kann. Gleichwohl eine Taktik, die ein Teil der Linken für geboten hält. Ich hätte andere Vorschläge zu machen, und zwar folgende:

1.Einstellung aller Schritte gerichtlicher Verfolgung gegenüber Faurisson (und anderen). Richter sind nicht in der Lage, in diesen Fragen Entscheidungen zu fällen. Auch empfinde ich es nicht gerade als ehrenhaft, über einen einzelnen Mann mit der Begründung, er äußere abstoßende Meinungen, herzufallen. Sich hinter Gesetzen zu verstecken, ist nicht nur billig, es ist vor allem auch dumm. Ich denke an die Gesetze, die die Volksfront mit dem Ziel gemacht hat, die Propaganda der Faschisten niederzuhalten, die zur Zeit des Algerienkrieges dann von der Rechten verwendet worden sind; noch heute werden mit deren Hilfe Bücher unterdrückt, die "befreundete" afrikanische Diktaturen aus der Nähe schildern (man vergleiche die Affären Alata, Mongo Beti etc.).

2. Eröffnung einer Diskussion zu den technischen Aspekten der Geschichte. Ohne jeden Zweifel gilt es, die Argumente Faurissons und anderer Revisionisten zu überprüfen, ohne jede Angst, in der "Flut der Einzelheiten unterzugehen". Die Einzelheiten sind es, die zählen! Es wäre sehr zu begrüssen, würde eine Gruppe von Historikern sich dieser Aufgabe unterziehen. Ort und Art der Diskussion müßten diejenigen unter sich ausmachen, die sich ihr zu stellen bereit sind.

3.Erweiterung der Quellenbasis. Es sind Techniker als Berater und Gutachter hinzuzuziehen. Auch wurden eine Reihe von Archiven noch nicht ausgewertet; insbesondere aber muss der Bestand der in Frankreich, in den USA, vor allem aber in der Sowjetunion sich befindenden deutschen Archive erfasst werden. Gewiss wäre es nützlich, die Verantwortlichen in der Regierung zu entsprechenden Schritten gegenüber der Sowjets zu veranlassen, auf daß diese, im Gegenzug zur Erfüllung ihrer verschiedenen Begehrlichkeiten, den Zugang zu ihren Archiven öffnen.

4. Die Ergebnisse dieser Forschungen sollten weiten Kreisen der Bevölkerung zugänglich gemacht werden, gleichwohl ohne ihnen den Charakter offiziöser Verlautbarungen zu verleihen. Es ist wichtig, diese Angelegenheiten unter Leuten von Ehre und auf ehrenhafte Weise zu verhandeln; was bedeutet, daß die Polit-Lobby, seien es die Parteien, die Gewerkschaften, die Kirchen etc., fernzuhalten ist.

Vielleicht verlange ich zuviel. Mir erscheint es als das mindeste, was getan werden muss.

14.10.1979

 

ANMERKUNGEN ZUM ERSTEN TEIL

31. Wie Robert Faurisson bemerkt, hat kein Gericht jemals eine Expertise zu einer Gaskammer in Auftrag gegeben. Wie es aussieht, hat man sich in Zusammenhang mit den verschiedenen technischen Widersprüchlichkeiten des Komplexes "Krematiorien-"Gaskammern"" nicht einmal um den Rat von Ingenieuren oder Chemikern bemüht. Der Einsatz von Blausäuregas zur Desinfektion ist dagegen gut bekannt: zahlreiche Armeen und zivile Verwaltungen haben hierfür Anwendungsrichtlinien erstellt, und dies lange vor dem Zweiten Weltkrieg.

32. Grämliche Geister zu beruhigen, sollte ich mir vielleicht ein paar Medaillen anstecken und ein paar Titel herunterrasseln; immerhin will ich auf zwei Arbeiten verweisen: Le Pouvoir pale ("Die bleiche Macht"), Seuil, Paris 1969, ein Essai über Südafrika, und Des courtisans aux partisans ("Von Höflingen zu Partisanen"), Gallimard, Paris 1971, ein Aufsatz zur Krise in Kambodscha; und auf Artikel in le Monde,le Monde diplomatique, Libération, Les Temps modernes, Aléthéia, Esprit etc. Für die Neugierigsten halte ich eine Aufstellung bereit.

33. Libération, vom 4. 10. 1979.

34. le Monde vom 6. 10. 1979.


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Erster Teil, Kapitel 3, "Die Perspektive" vonHistorische Warheit oder Politische Wahrheit ? Die Macht der Medien : Dritter Teil, Kapitel 1, "Die Perspektive" von Historische Warheit oder Politische Wahrheit ? Die Macht der Medien : Der Fall Faurisson, Berlin, 1994, Verlag der Freunde, Postfach 350264, 10211 Berlin, S. 5-21. Übertragung aus Französisch von Andreas Wolkenpfosten. ISBN 3-9803896-0-X. Es ist besser das Buch von den Verlag zu kaufen.

Originalausgabe : Serge Thion, Vérité historique ou vérité politique, Paris, La Vieille Taupe, 1980.



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