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Serge Thion

Historische Wahrheit oder Politische Wahrheit?

Die Macht der Medien: der Fall Faurisson

Zweiter Teil

"Ein Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft, in dem die Freiheit des Protestes -- sei er auch radikal -- nicht institutionell verankert ist, kann die Entwicklung einer neuen Form des repressiven Staates begünstigen."

Pierre Vidal-Naquet, La Torture dans la République, Edition de Minuit, S. 177.

"In Anbetracht dessen, daß die Gaskammern existiert haben, bedeutet allein der Umstand, einen Artikel in eine Tageszeitung setzen zu wollen, in dem der Autor sich die Frage stellt, ob die Gaskammern existiert hätten, einen Verstoß gegen die guten Sitten..." Tribunal de police, Lyon, 27.6.1979.

"Die Menschenrechte der ersten Generation, das waren die von 1789 (die politischen Rechte), die zweite Generation datiert ab 1946 (soziale Rechte), die dritte ist heute im Entstehen (das Recht zu wissen)." Pierre Drouin, "Le rapport Lenoir. La fin de la société du secret", Le Monde, 20. 9. 1979.

"Die Gerechtigkeit geht selten mit den Siegern ins Bett." Sophokles

"Ich habe den leisen Verdacht, daß die Wahrheit in Gefahr sein muß in einer Welt, in welcher der Irrtum zu seiner Verteidigung so mühelos Erklärungen über Gedenkveranstaltungen an der Sorbonne veröffentlichen und allerlei verlogenes Geschwätz produzieren kann."

Jean Paulhan, "De la paille et du grain", Oeuvres complètes, Bd. IV, S. 337.

"In den Krisen der Geschichte fühlen sich die Handelnden, falls sie Zeit und Muße zur Beobachtung haben, oft von der im Gang befindlichen Entwicklung überflügelt; falls sie sich nicht selbst von den von ihnen oder anderen gegebenen offiziellen Erklärungen täuschen ließen, bleibt ihnen nichts anderes, als sich nachträglich über die Umstände, in denen man sich befindet, zu wundern; öfter aber glauben sie alles was sie und ihre Theologen sagen: diese Version, Freundin der Erinnerung, wird dann die historische Wahrheit von morgen."

Paul Veyne, Comment on écrit l'histoire, 1. Aufl., Le Seuil, S. 231.

"Die französische Gesellschaft ist zerbrechlich, denn sie geht schmerzhaften oder einfach nur unbequemen Wahrheiten aus dem Weg. Zur Zeit der Kolonialkriege hat die Verstopfung der Hirne bei uns einen Grad erreicht, über den sich die Engländer nur wundern konnten. Und zu Friedenszeiten?"

Jacques Fauvet, Le Monde, 6. 11. 1979.

 

 

ERSTES KAPITEL

HAT MAN FAURISSON GELESEN?

"Was kann es schaden etwas zu lernen, sei es von einem Kopf

einem Topf, Pfropf oder einem Pantoffel."

Rabelais

 

Es ist keineswegs das erste Mal, daß dieser Literaturprofessor Robert Faurisson einen Skandal auslöst. Man schrieb das Jahr 1961, als er auf unserer literarischen Szene -- die einst an energisch geführten Auseinandersetzungen gewiß reicher war, als diese trübe Zeit, in der wir leben -- mit einem Aufsatz erschien, der sich mit dem Rimbaud'schen Sonnet "Voyelles" beschäftigte /1/. Der Autor vertritt eine Lesart, nach der dieses berühmte Sonett in Wahrheit einen erotischen Gegenstand habe und den weiblichen Körper "in coitu" beschreibe.

Zu dieser Zeit, da der Algerienkrieg sich unendlich in die Länge zu ziehen schien, da Algerier in den Straßen von Paris und Umgebung Ziel übler Angriffe waren, und zwar seitens der Polizei ebenso wie seitens der Bevölkerung, da die Polizisten nur noch mit der Maschinenpistole unter dem Arm auf Streife gingen, "denen die Fresse zu zerschmettern", da die Linke mit ernster Miene "Friede den Algeriern" murmelte und an das Anwachsen eines Faschismus glaubte, den zu bekämpfen gleichwohl de Gaulle und seinen staatlich gedeckten Terrorgruppen überlassen wurde, in solch einer Zeit brachte die Presse es fertig, für die Interpretation eines Gedichtes zu entbrennen. Süßes Frankreich!

Man wird entschuldigen, daß diese Affäre Faurisson seinerzeit weder meine Aufmerksamkeit, noch die eines gewissen Teils meiner Zeitgenossen zu erregen vermochte. Die literarische Welt gleichwohl wurde in ihren Grundfesten erschüttert. Unterstützer und Gegner der Thesen Faurissons standen sich unversöhnlich gegenüber. Man hat die Sabatiers, Kanters, Pieyre de Mandiargues, Bonnefoys, ihre Lanzen brechen sehen; Breton hieß die mutige Interpretation des kleinen, obgleich ein wenig strengen, Lehrers vom sonst ziemlich prüden Lyzeum in Vichy "in ihrer Gesamtheit" gut, während Etiembles Verdikt wie ein Fallbeil niederging: Schizophrenie /2/.

Ob der Streit bis heute fortdauert, und auf welche Weise man den Gymnasiasten heute das berühmte Sonett vorstellt (auch ob "Voyelles" überhaupt noch in allen Lehrbüchern enthalten ist), weiß ich nicht. Sicher ist nur, daß der Streit bis 1968, da Etiemble sich herabließ, ein Buch zum Thema erscheinen zu lassen, anhielt:

"Ohne die Hartnäckigkeit meines bedeutenden Kollegen Faurisson wären all diese Notizen zweifellos unveröffentlicht geblieben; wie aber ließe sich der Herausforderung seitens einer Person widerstehen, die dafür bekannt ist, hinter jedem Vokal das Spiel geschlechtlicher Vereinigung entdeckt zu haben. Gewiß habe ich, seinen Heißhunger zu befriedigen, noch nicht genug über diese Verse geschrieben; vielleicht genügt es zumindest für den Moment."

heißt es in der Pressemitteilung /3/.

1961 verspürte ich sowenig wie heute das Verlangen, in diesem Streit Partei zu ergreifen. Man ist, glaube ich, auch außerhalb des kleinen Kreises der Eingeweihten in der Lage, die subtile Technik Faurissons zu würdigen, und ebenso Hochachtung vor dem Stil Etiembles, vor seinem Mut und seinem Feuer zu bekennen. Ohne mich in irgendeiner Weise in den Streit einmischen zu wollen, entdecke ich -- mit einem Interesse, das die anderen Schriften Faurissons heute in mir nachträglich geweckt haben -- Bemerkungen, die seinerzeit in der Hitze des Gefechtes aus der Feder O. Mannonis flossen /4/:

"Die Frage, wie die Texte Rimbauds zu verstehen seien, hat als Folge eines mutigen und radikalen Versuches der Interpretation eine neue Aktualität gewonnen, der -- ohne ihm damit in allem zuzustimmen -- nicht ungünstig aufgenommen werden sollte, denn er geht einen bestimmten Weg konsequent zu Ende und wird dadurch beispielhaft. Unter anderem ist hier zu beobachten, wie -- methodisch korrekt -- verschiedene Schritte unternommen werden, die zu einer tatsächlichen Bereicherung und Vertiefung des Verständnisses führen; auf der anderen Seite wird gegenüber dem eigentlich Poetischen Rimbauds eine solche Angst offenbar, daß gewisse, für höchst fundiert gehaltene Interpretationen, geradezu als Kunstwerke der Verweigerung gegenüber dem Text erscheinen."

Weiter unten macht Mannoni eine Bemerkung, die im Hinblick auf sp,tere Hervorbringungen dieses leidenschaftlichen Textkritikers allgemeingültig zu sein scheinen:

"Im übrigen bemerkt man nicht ohne Erstaunen, mit welch äußerster Leidenschaft die verschiedenen Interpreten ihre verschiedenen Deutungen dieser vierzehn Verse vortragen. Sie bekunden eine außergewöhnliche Intoleranz. Wo mag die Quelle derartiger Energie liegen? Ist das vielleicht der schlichte, aus der Vergangenheit bekannte Zorn, mit dem jeder wahre Gläubige meinte, mit der Person seines Gegners auch all das auslöschen zu können, was in ihm selbst an dunklem Zweifel verblieben? Nur ungenügend gesicherten sberzeugungen hilft der Fanatismus. Gleichwohl scheint der Gegenstand den Verlust der Gelassenheit nicht wert zu sein."

Das nächste Mal ließ Faurisson es 1972 am erhabenen Himmel unserer Literatur donnern; er löste einen neuen Streit aus, diesmal um Lautréamont. Was bleibt also anderes, als hier die entsprechende Pressemitteilung wiederzugeben, die das Erscheinen der umfänglichen Arbeit, das sich als eine Art Thesenpapier verstand, begleitete:

"Das Werk Lautréamonts ist niemals als das gelesen worden, was es ist: eine lusterfüllte, großartige Parodie auf den klerikalen Moralismus. "Les Chants de Maldoror" und die "Poésies" sind clowneske Fantasien. Isidore Ducasse tritt hier jeweils nacheinander in der Maske eines Tartarin (oder in der eines Fenouillard) des Lasters und der Tugend auf. Er tut so, als wolle er die -- man beachte die Wortwohl -- "Krabbe der Ausschweifung", die "Boa der abwesenden Moral" herausfordern. Eine Blütenlese aus Absurditäten, ulkigen Stilbrüchen und Hanswurstiaden ist es, die diesem satirischen Zeitvertreib Saft und Kraft verleiht.

Dies an den Tag zu bringen aber gilt es noch immer, den Text, und nichts als den Text, als das zu lesen, was er ist, ohne Vorurteil, Zeile für Zeile, Wort für Wort: eine elementare Regel, die von den Kommentatoren, insbesondere von denen der "Nouvelle Critique", manchmal vergessen wird.

Das surrealistische Genie Lautréamonts ist genug beschrien worden. Er macht mit den Clownerien des "Sängers" und des "Dichters" die Bretter vor dem Kopf des Bildungsbürgers sichtbar, das ist sein Genie. Das Werk Isidore Ducasses bildet den Ausgangspunkt einer der erstaunlichsten literarischen Mystifikationen aller Zeiten..." /5/

Diesmal erhielt er reichlich Unterstützung, wie es Jacqueline Piatier bezeugt, die den Antragsteller nacheinader eine Sprengladung, unerschütterlich, einen neuen Scarron, einen Propheten und einen allzuschnellen Schützen nannte. "Aber man lacht, und das ist das Wichtige." /6/

Wie ein Harlekin mit dem Sturmgewehr, so attackiert Faurisson die verschiedenen Schulen der Kritik, die modischen ebenso wie die traditionellen:

Dreimal Textkritik

Drei Arten, einen Text zu betrachten. Drei Arten, die Dinge, die Menschen, die Texte zu sehen. Drei Arten, einen Kugelschreiber zu beschreiben.

1. Die klassische Kritik erklärt: "Bei diesem Gegenstand handelt es sich um einen Stift der Marke "Bic". Er dient zum Schreiben. Fügen wir ihn wieder in seinen historischen Kontext ein: wir erkennen in diesem Gegenstand den "Stil" der Vergangenheit; er tritt uns hier in seiner modernen Form entgegen; er ist praktisch, einfach zu handhaben und zu transportieren; er verfügt über eine Autonomie. Betrachten wir die sozio-ökonomischen Beziehungen, in die er sich einschreibt: er gehorcht den Gesetzen industrieller Serienproduktion; er ist billig; er verbraucht sich schnell, es ist ein Wegwerfgut. Beschreiben wir ihn: [es ist bemerkenswert, daß die klassische Kritik dazu neigt, diesen Augenblick der Beschreibung hinauszuschieben, der aus guten Gründen allem anderen vorangehen sollte; es scheint, sie hat Scheu vor der Realität, sie vermag sich dieser nur auf Umwegen und über historische Anspielungen zu nähern, gestattet der Realität nur in Gestalt der Reflexion den Auftritt] zu diesem Schreibwerkzeug Bic gehören eine Hülle, eine Kappe, eine Spitze aus Metall, die Einrichtung für die Aufnahme und die Zuführung der Tinte; fast alle Teile sind aus hartem oder weichem Plastik gefertigt; das Etui ist blau, weiß oder golden; er ist von länglicher Form und im Profil fünfeckig. Befassen wir uns nun mit dem Schöpfer dieses Gegenstandes und mit dem, was dieser Schöpfer über sein Produkt sagt: wir entdecken, daß dieser Gegenstand in einer der Fabriken des Barons Bich hergestellt wird; dieser Industrielle steht in hohem Ansehen; vergleichen Sie dazu, was in Paris-Match, Jours de France und France-Soir über ihn zu lesen ist; der Baron Bich hat nicht verschwiegen, wie, warum und für wen er dieses Erzeugnis entworfen und hergestellt hat; er hat auch deutlich gemacht, daß all sein Streben und Trachten wie folgt zusammengefaßt werden kann: "Ich habe, in erster Linie und vor allem anderen, an die Arbeiter gedacht, an die kleinen Leute..."

2. Die Neue Kritik tritt auf und sagt: "Das Klassische interessiert heute niemanden mehr. Seine Betrachtungsweise ist sklerotisch. Das ist die Ausdrucksweise einer Gesellschaft, wie sie zwischen 1880 und 1900 im Schwung war. Taine, Renan und Lanson waren alles in allem doch nichts anderes als Nachfolger Sainte-Beuves. Ehren wir die Alten. Sie sind rührend. Aber überwunden. Durch wen? Durch uns, in aller Bescheidenheit. Folgendes gilt es zu begreifen: die Dinge drücken weder das aus, was sie ausdrücken wollen, noch das, was sie ausdrücken. Das gilt für die Menschen wie für Worte. Man muß darum herum, darunter und darüber forschen. Es gilt, die Aufmerksamkeit sich entspannen, spazierengehen zu lassen, dann aber mit einem Mal auf den Kern der Sache vorzustoßen. Dieser Stift der Marke "Bic" (der Name ist schlicht und einfach den Umständen geschuldet) ist nichts weiter als eine Zutat zu allem. Er ist eine... Anordnung von Strukturen. In solch einer Form. In solch einem zugleich (und nicht nacheinander) historischen, ökonomischen, sozialen, ästhetischen, individuellen Kontext. Hier steckt alles in Allem, und umgekehrt. Das Objekt (als-ob) als eine Verbindung schriftlicher und schreibender Ordnungen, wo sich verschiedene bläuliche Systeme mit durchscheinenden Mattheiten vereinen. Es handelt sich um ein schillerndes, hauchdünnes, in der Komplexität seiner Vernetzung, in seinem Schwingen zu begreifendes Gewebe. Diese Röhre bezieht sich auf sich, sie ist anphorisch (die Kugel nach vorn). In diesen Körper schreibt sich die Innerlichkeit des Objektes (als-ob). Diese Röhre ist das Bindeglied, dank dessen die innere Ausdehnung des Werkes sich in einem bedeutsamen Umfang ausdrückt. Alle Thematik erweist sich auf diese Weise zugleich als kybernetisch (es bewegt sich) und systematisch (konstruiert). Eine psychoanalytische Entzifferung wird unumgänglich. Wie man weiß, ist der Baron Bich ein leidenschaftlicher Segler. Er wird vom America's Cup regelrecht verfolgt, den er bis jetzt nie erringen konnte. Und nun achten Sie auf diese selbstbezogene Kugel. Es wird deutlich, daß der Baron hier eine sbertragung von Strukturen auf den "Bic" vorgenommen hat. Achten Sie auf diese offensive Art, in einer Gesellschaft, die ganz und gar auf Produktion und Komsumtion gestellt ist, die Wogen zu spalten. Was dem Baron auf den Wellen nicht gelungen ist, versucht er anderenorts. Man kann, auf einem anderen Niveau der Analyse, durchaus von einem Phallussymbol sprechen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht uninteressant, daß der Baron, den Gegenstand (Gegen-Stand!) auf seinen Namen zu taufen, zum Abschneiden des Buchstaben H (aus Bich wurde Bic), bzw. sonstiger Ablösung, schritt. Die Amputation kann auf verschiedene Weise interpretiert werden, was hier übergangen werden soll. Die Ablösung kann zun,chst als ein diskret und berührendes Zeichen der Zugehörigkeit gesehen werden, als eine Ganzheit "Homo", wie Balzac sie gezeichnet und Roland Barthes sie mit ,uxerster Subtilität in seinem S/Z erneut interpretiert hat. Aber auch andere Deutungen im Sinne des Strukturalismus sind denkbar: beispielsweise jene des imaginierenden Bewußtseins eines Bachelard, des wahrnehmenden (oder zum Selbst a-thetischen) Bewußtseins Merleau-Ponthys, des ontologischen Gefühls eines Jean Wahl, im Sinne marcelianischer Medidation des Körpergefühls, oder, in umfassenderer Weise, der intentionalistischen Phänomenologie." (Der letzte Satz findet sich in dieser Form in "L'Univers imaginaire de Mallarmé" von J.P. Richard, Thesen, 1961; all das ontologische Kauderwelsch meiner Neuen Kritik stammt aus den ersten Seiten dieses Werkes.)

3. Die zeitlose Kritik wundert sich über so viel Wissenschaft bei so wenig Geist. Sie stößt direkt auf den Gegenstand. Das ist ihre erste Tat. Ihre erste Tat ist, nicht um den heißen Brei herumzugehen. Um das Wieso, Weshalb, Warum kümmert sie sich vorerst nicht. Zeit und Ort sind ihr egal. Ebenso der Name des Autoren und irgendwelche Erklärungen von ihm. Kein Komentar und keine Philosophie. Zeigen Sie her! Sie untersucht von nah und fern. Sie sieht: da steht "Reynolds" geschrieben. Zunächst einmal haben wir es mit einem Kugelschreiber der Marke "Reynolds" zu tun. Mißtrauisch sind wir auf alle Fälle! Stimmt die Wirklichkeit denn mit dem Namen und dem Aussehen überein? Das wird sich zeigen. Erneute Untersuchung des Gegenstands. Handelt es sich bei diesem Kugelschreiber etwa um eine Fälschung? Unter dieser Form eines Kugelschreibers könnte sich sonstwas verbergen... Eine Waffe, ein Mikro... vielleicht Niespulver? Alles muß sorgfältig untersucht werden. Im Ergebnis dieser Untersuchung werde ich mich möglicherweise zu einer Erklärung des Gegenstandes nicht in der Lage sehen. Und werde mich also hüten, so zu tun, als ob ich es mir erklären könnte. Ich würde nicht vorgeben, es anderen erklären zu wollen. Ich würde keinen Kommentar abgeben. Ich würde schweigen. Die zeitlose Kritik stellt strenge Anforderungen: erst denken, dann sprechen; mit dem Anfang anfangen; zu schweigen, wenn man irgendwann nichts mehr zu sagen hat. Ein schönes Beispiel dieser Art von Kritik (die oft gelobt, aber selten praktiziert wird) ist die Geschichte vom Goldzahn, wie Fontenelle sie erzählt. Die hochberühmten Professoren sehen sich der Lächerlichkeit preisgegeben, während der unbekannte Goldschmied als der wahrhaft, richtig und gerecht denkende sich erweist."

Jacqueline Piatier, obgleich von diesen groben Thesen ein wenig schockiert, kommt zu einem keineswegs ungünstigen Urteil: Lautréamont

"läßt sich ohne Zweifel nicht ganz so einfach reduzieren, wie Herr Faurisson meint, der nach der einfachen Regel verfährt: wenn man über die "Gesänge des Maldoror" zuviel gesagt hat, so deshalb, weil diese gar nichts sagen. Aber Faurisson in seiner Simplizität läßt sich ebenfalls nicht einfach reduzieren. Es läßt sich nicht leugnen, daß er den Finger auf verschiedene unserer Wunden gelegt hat, daß er überall dort, wo er vorbeikommt, eine geistige und sprachliche Frische verbreitet, die bei der Jugend ankommt. Ohne zu zögern hat die Sorbonne seinen Thesen ein "très honorable" erteilt, während Isidore Ducasse -- der von unseren modernen Abstrakten der Quintessenz ebenso verehrt wird, wie von diesem Amateur Pierre Dac, der Lautréamont ähnlich sein soll -- endgültig der Ruhm ereilt."

Auch diesemal noch wurden in der Presse erbittert für oder gegen Faurissons Auffassungen gestritten /7/. Dieser erklärt das, was er seine Methode nennt, näher; beispielsweise in einem Interview der Nouvelles littéraires /8/:

"Ein Punkt der Überreinstimmung neben vielen anderen, unter den meisten Vertretern der Neuen Kritik, aber auch unter denen der klassischen Kritiker, ist ihre Abneigung, sich unmittelbar auf die Texte einzulassen und diese in allgemein verständlicher Sprache zu behandeln. Der Neuzeitliche ebenso wie der Klassiker bemühen zur Analyse eines Textes stets eine Unmenge an historischen, psychologischen, linguistischen und psychoanalytischen Reflexionen, die mir nichts als Alibis zu sein scheinen. Klassiker und Neo umgehen die Untersuchung des Unmittelbaren und Naheliegenden ähnlich konsequent. Indes bin ich überzeugt, daß sowohl französische, als auch lateinische, griechische, hebräische oder chinesische Texte, noch immer falsch, oft sogar ihrem Sinn entgegengesetzt verstanden werden. Vor dem Geist gilt es, den Buchstaben zu finden. Die Texte haben entweder einen einzigen Sinn oder sie haben keinen. Der Sinn mag doppelbödig sein, wie bei der Ironie beispielsweise; trotzdem ist es immer nur einer. Der oft nicht zu finden ist. Manchmal meint man, ihn gefunden zu haben, mux später aber feststellen, daß er es nicht war. Ein einzelnes Wort kann in vielen Richtungen verstehbar sein; ist es jedoch in einen Satz eingebunden, verliert es sehr schnell diese Fähigkeit. Nicht verwechselt werden sollte der Sinn mit jenen Sinnen des Gefühls. Derselbe Text kann die gegensätzlichsten Gefühle auslösen: man gibt ihm also diesen und jenen Sinn, aber das bedeutet nicht, daß er all diese Sinne auch besitze, daß diese zur gleichen Zeit in ihm seien. Daß man einer Person eine bestimmt Eigenschaft zuschreibt, bedeutet keineswegs, daß diese Person mit dieser Eigenschaft auch ausgestattet ist. Ich wünschte sehr, daß die literarische Kritik dieses harte Gesetz des Sinnes ebenso akzeptiere, wie die Physiker das Gesetz von der Schwerkraft. An den Universitäten wird den Leuten vermutlich vor allem gelehrt, zwischen den Zeilen zu lesen: ich für meinen Teil, für mich sind es vor allem die Zeilen, die ich zu lesen suche. Das ist schon schwierig genug.

-- Woran lassen Sie Ihre Studenten sich üben?

Ich erziehe sie zur "Kritik von Texten und Dokumenten" (literarischen, historischen, journalistischen etc.). Sollten sie in einem als historisch klassifizierten Text (aber diese Einteilungen, bergen sie nicht selbst schon ein Vorurteil?) etwa auf Worte wie "Napoléon" oder "Polen" stoßen, so untersage ich, etwas von dem, das sie über Napoléon oder Polen zu wissen glauben, in die Analyse einfließen zu lassen; sie müssen sich mit dem, was im Text steht, zufriedengeben. Einen solchen Text, in dem, was er ohne Hut und Mantel ist, zu analysieren, erlaubt den Blick auf interessante Schichten. Ein ausgezeichnetes Mittel übrigens, um Fälschungen und Fabrikationen aller Art aufzudecken. Meine Studenten nennen das die "Ajax-Methode", weil es derartig abscheuernd und abbeizend wirkt, und zu neuem Glanz verhilft."

Daß diese Methode ausreichend sei, einen Text in seiner Gesamtheit, mit all den Schwingungen, die er in mir auslöst, zu erfassen, erscheint mir sehr zweifelhaft, und ich verwerfe die anderen Schulen der Kritik keinswegs mit dieser Entschiedenheit; obgleich bekannt ist, welch eine Groteske manche ihrer Diener (siehe Tel Quel und ähnliches) daraus machten.

Sicher dagegen ist, daß dieses Bemühen, den Text als das zu nehmen, was er ist, Faurisson nicht versäumen ließ, sich Texten zuzuwenden -- literarischen und nichtliterarischen --, die verschiedene grausame Ereignisse unserer Zeit behandeln, und diese seiner "Ajax-Methode" zu unterziehen. Ob man in dieser nun eine geeignetes Mittel sehen will oder nicht, die Dimension eines Textes in seiner Gesamtheit einzuschätzen und zu beurteilen: ein wenig gesunder Verstand genügt, den Wert dieses Ansatzes zu erkennen: ein Text muß vor jeder Interpretation zunächst als das gelesen werden, was er sein will.

1978, zu einem Zeitpunkt, da die Affäre Faurisson ihren Anfang nahm, haben viele Zeitschriften sich eines Themas bemächtigt, das er seinen Studenten in Lyon vorgelegt hatte: "Ist das Tagebuch der Anne Frank echt?" Jenes seltsame Gemisch, das da aus Wahrheiten und Unterstellungen bereitet wurde, mußte die Frage unweigerlich als antisemitische Provokation erscheinen lassen. Es war eine Affäre des Umfeldes. Die Anschuldigung (das Problem war als Frage formuliert, aber jeder Leser konnte annehmen, daß Faurisson hier mit einem Nein antworten würde) konnte um so leichter greifen, als Faurisson zu dem Thema der Recherche noch nichts veröffentlicht hatte; er arbeitete noch an der Endredaktion. Bis dahin ging aus einer sehr kurzen Analyse des der jungen Anne Frank zugeschriebenen Textes lediglich hervor, daß dieser eine literarische Fälschung genannt werden könne. Eine Analyse, die das tragische Schicksal, das Anne Frank erlitt, offensichtlich nicht aufhob... Auch hier ist es das Beste, die Dinge im einzelnen zu betrachten. /9/ Möge der Leser sich selbst ein Urteil darüber verschaffen, welcher Qualität die im folgenden wiedergegebenen Äußerungen von René Nodot, des Vizepräsidenten des Landesverbandes Rhone der LICA, sind /10/:

"Faurisson ist auf die abscheuliche, gegen das Tagebuch der Anne Frank gerichtete Verleumdung, nicht von allein gekommen. "Promoter" dieser üblen Aktion war der ehemalige Gestapoagent Ernst Römer, der, weil er mittels verschiedener Abhandlungen eine Kampagne zu diesem Thema startete, bereits zu 1000 Mark Strafe verurteilt wurde. Der Gestapist hat selbstverständlich Berufung eingelegt. Der Prozeß kam vor das Hamburger Landgericht. Vor diesem Gericht hat der noch lebende Vater Anne Franks das entscheidende Beweisstück vorgelegt: das Original des Tagesbuches..."


ANMERKUNGEN ZUM KAPITEL 1

1. Bizarre, Nr. 21-22, 1961.

2. Zu diesem Streit: J.-J. Pauvert (Hg.): "A-t-on-lu Rimbaud?", neu herausgegeben 1971; Paris-Presse vom 9.9.1961; Combat vom 4.12.1961; L'Observateur littéraire vom 28.2.1961 und 11.1.1962; Rivarol vom 28.12.1961; N.R.F. vom Januar 1992; Le Figaro littéraire vom 13.1.1962; Le Monde vom 3.2.1962; Brief Etiembles in Les Temps modernes vom 10.2.1982 und 24.2.1962 (mit Antwort Faurissons).

3. Le Sonnet des voyelles. De l'audition colorée a la vision érotique. Gallimard, Les Essais 139, S. 244f.

4. O. Mannoni: Le besoin d'interpreter. Les Temps modernes, Nr. 190, März 1962, S. 1350 - 1354.

5. Robert Faurisson: A-t-on lu Lautréamont?, Gallimard, Les Essais 170, 1972, S. 433f.

6. "Maldoror entre M. Prudhomme et M. Fenouillard", Le Monde vom 23.6.1972.

7. Die darauf folgende Arbeit Faurissons zu Gérard de Nerval fand dann nicht mehr dieses Interesse, sei es, daß das Publikum sich inzwischen an Attacken dieser Art gewöhnt hatte, oder Nerval einfach nicht berühmt genug war. (Robert Faurisson: La Clé des "Chimère" et "Autres Chimères" de Nerval, Paris 1976, J.-J. Pauvert.)

8. Nouvelle Littéraires vom 10.-17.2.1977, "Je cherche midi a midi", das Interview führte Gérard Spitéri.

9. Diese Untersuchung ist im Anhang wiedergegeben.

10. Le Droit de vivre, Februar 1979.


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Zweiter Teil, Kapitel 1, "Hat man Faurisson gelesen?" von Historische Warheit oder Politische Wahrheit ? Die Macht der Medien : Der Fall Faurisson, Berlin, 1994, Verlag der Freunde, Postfach 350264, 10211 Berlin, S. 5-21. Übertragung aus Französisch von Andreas Wolkenpfosten. ISBN 3-9803896-0-X. Es ist besser das Buch von den Verlag zu kaufen.

Originalausgabe : Serge Thion, Vérité historique ou vérité politique, Paris, La Vieille Taupe, 1980.



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